Beziehung Sinn und Zweck einer multimedialen Präsentation ist es, einen Benutzer über einen bestimmten Sachverhalt zu informieren. Dazu werden im allgemeinen viele einzelne Informationseinheiten, die Medienobjekte, benötigt, die in einen bestimmten Zusammenhang zueinander gebracht werden müssen. Dieser Zusammenhang läßt sich über Beziehungen, Abhängigkeiten oder Constraints, die zwischen den Objekten definiert werden, herstellen. Im multimedialen Beziehungsnetzwerk repräsentieren die Kanten diese Beziehungen. Die Semantik der Kanten ist allerdings nicht einheitlich. Vielmehr existieren verschiedene Typen von Beziehungen, auf die in den folgenden Paragraphen im einzelnen eingegangen wird.
zeitliche Beziehung Über zeitliche Beziehungen wird die zeitliche Abfolge definiert, in der die einzelnen Medienobjekte einem Benutzer präsentiert werden sollen. Zu beachten ist dabei, daß multimediale Präsentationen durch eine inhärente Nebenläufigkeit mehrerer Aus- und Eingabeaktionen gekennzeichnet sind. Beispiele für zeitliche Beziehungen zwischen Medienobjekten sind:
In [BHL91] werden drei Ansätze zur Modellierung zeitlicher Beziehungen zwischen Medienobjekten unterschieden (siehe auch Abbildung 2.4):
Abbildung 2.4: Zeitliche Beziehungen zwischen
Medienobjekten
Bei der hierarchischen Komposition werden Bäume gebildet, deren Knoten Medienobjekte darstellen [Gib91]. Die Blätter repräsentieren elementare Medienobjekte. Innere Knoten werden durch Operatoren gebildet, die bestimmte zeitliche Beziehungen, wie beispielsweise den gemeinsamen Start, zwischen ihren Kinderknoten herstellen. Sie können damit als komplexe Medienobjekte angesehen werden. Vorteile der hierarchischen Komposition sind deren einfache Handhabung sowie die Integration von Objekten mit unbestimmter Präsentationsdauer (Live-Videos, Interaktionsobjekte, ...). Nachteile bestehen darin, daß dieser Ansatz zur Modellierung bestimmter Sachverhalte nicht mächtig genug ist (siehe [Cla93]) und daß Beziehungen zwischen Objekten nur über deren Start und Ende hergestellt werden können. Abbildung 2.4(a) gibt ein Beispiel für eine hierarchische Komposition. Der Wurzelknoten par-start veranlaßt den gleichzeitigen Start seiner beiden Kinderknoten. Der Operator par-start-end startet die Objekte A und B gemeinsam und bricht, falls eines der beiden beendet ist, das andere ab. Der Operator seq führt seine beiden Kinderknoten hintereinander aus. Der Operator iteration bewirkt die sechsmalige Ausführung von Objekt C.
Die in kommerziellen Produkten am häufigsten verwendete -- weil intuitivste -- Methode zur Modellierung zeitlicher Beziehungen zwischen Objekten ist deren Anordnung auf einer Zeitachse (siehe Abbildung 2.4(b)). Probleme treten in diesem sogenannten Timeline-Ansatz allerdings auf, wenn Interaktionsobjekte mit in die Modellierung einbezogen werden sollen, weil hierbei keine Angaben über deren Dauer gemacht werden können.
Den mächtigsten Ansatz stellt die Komposition über Referenzpunkte dar [Ste90] (siehe Abbildung 2.4(c)). Hierbei werden Medienobjekte nicht als atomare Einheit angesehen, sondern als eine Zusammensetzung aus Untereinheiten, wie beispielsweise Einzelbilder beim Video. Die Position einer Untereinheit innerhalb eines Objektes wird dabei als Referenzpunkt bezeichnet. Zeitliche Beziehungen zwischen mehreren Objekten werden dadurch hergestellt, daß Verbindungen zwischen denjenigen Untereinheiten definiert werden, die gleichzeitig präsentiert werden sollen. Einen Spezialfall der Komposition über Referenzpunkte bildet die Start-Ende-Komposition, bei der als Referenzpunkte lediglich der Beginn und das Ende eines Objektes dienen.
Medienobjekte beinhalten eine bestimmte Information, d.h. sie definieren, was einem Benutzer präsentiert wird. Während zeitliche Beziehungen festlegen, wann die Information präsentiert wird, werden gestalterische Beziehungengestalterische Beziehung dazu benutzt anzugeben, wie die Information -- relativ zu anderen Objekten gesehen -- dargestellt wird. Kriterien, die das Präsentationsbild eines Audio-Objektes festlegen sind beispielsweise die Ablaufgeschwindigkeit und die Lautstärke, Texte können unterschiedliche Fonts und Größen haben, die Farbgebung spielt bei Graphik-Objekten eine wichtige Rolle. Derartige Eigenschaften eines Objektes werden im allgemeinen initial vorgegeben. Sie lassen sich aber im Laufe der Präsentation über gestalterische Beziehungen dynamisch verändern. Im Prinzip werden gestalterische Beziehungen nicht zwischen den Objekten selbst definiert, sondern zwischen Attributen der Objekte, deren aktuellen Werte das Präsentationsbild bestimmen. Beispiele für gestalterische Beziehungen zwischen Medienobjekten sind:
Je nachdem, wann bzw. über welchen Zeitraum gestalterische Beziehungen Gültigkeit besitzen, sind zwei Typen zu unterscheiden: Diskrete gestalterische Beziehungendiskrete gestalterische Beziehung müssen nur zu bestimmten Zeitpunkten erfüllt sein, beispielsweise zu Beginn der Präsentation. Dahingegen definieren kontinuierliche gestalterische Beziehungenkontinuierliche gestalterische Beziehung Abhängigkeiten zwischen Medienobjekten, die sich über bestimmte Zeiträume, meistens über die gesamte Präsentation, erstrecken.
räumliche Beziehung diskrete räumliche Beziehung kontinuierliche räumliche Beziehung Räumliche Beziehungen legen den geometrischen Zusammenhang, d.h. Position und Größe, zwischen Medienobjekten auf dem Bildschirm fest. Sie können daher nur zwischen visuellen Medienobjekten definiert werden. Räumliche Beziehungen bilden eine Teilmenge der gestalterischen Beziehungen. Sie sollen aber wegen ihrer besonderen Bedeutung in existierenden Autorenwerkzeugen gesondert betrachtet werden. Beispiele für räumliche Beziehungen zwischen Medienobjekten sind:
In existierenden Autorenwerkzeugen von besonderer Bedeutung sind die sogenannten initialen (diskreten) räumlichen Beziehungen. Das sind räumliche Beziehungen, die nur beim Start des Objektes, zu dem die Beziehung hinführt, erfüllt sein müssen.Initiale räumliche Beziehung
Zeitliche Bedingung Gestalterische Bedingung Räumliche Bedingung Zeitliche Auswirkung Gestalterische Auswirkung Räumliche Auswirkung Beziehungen lassen sich dadurch charakterisieren, daß sie in Abhängigkeit des Eintretens einer bestimmten Bedingung eine bestimmte Auswirkung haben. In den vorangehenden Unterabschnitten wurden Beziehungen betrachtet, bei denen zeitliche bzw. gestalterische Bedingungen auch wieder zeitliche bzw. gestalterische Auswirkungen implizieren. Neben diesen sogenannten reinen BeziehungenReine Beziehung sind auch gemischte BeziehungenGemischte Beziehung vorstellbar, bei denen sich der Typ der Bedingung vom Typ der Auswirkung unterscheidet:
).Das letzte Beispiel ist ein Beispiel für eine sogenannte Initialisierungsbeziehung.Initialisierungsbeziehung Initialisierungsbeziehungen sind diskrete zeitlich-gestalterische Beziehungen zwischen ein und demselben Objekt, die zu Beginn der Präsentation des Objektes die Initialwerte der Attribute festlegen, die das Erscheinungsbild des Objektes definieren.
Interaktionsbeziehung Interaktionsbeziehungen sind Beziehungen, die von Interaktionsobjekten ausgehen. Sie kennzeichnen die Auswirkungen, die eine Benutzereingabe mit Hilfe dieses Objekt nach sich zieht. Diese Auswirkung kann sich in Form einer zeitlichen oder gestalterischer Veränderung der Präsentation bemerkbar machen. Interaktionsbeziehungen werden ausführlich in Kapitel 3.3 behandelt. An dieser Stelle sollen lediglich ein paar Beispiele gegeben werden:
Indirekte Beziehung Als indirekte Beziehungen werden Beziehungen zwischen Medienobjekten bezeichnet, deren Auswirkungen sich nicht unmittelbar, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt der Präsentation bemerkbar machen. Wird ein Benutzer beispielsweise zu Beginn der Präsentation nach seinen Fähigkeiten befragt und wird in Abhängigkeit von seiner Antwort an einer bestimmten Stelle der Präsentation eine Hilfsmeldung ausgegeben oder nicht, so besteht zwischen dem Interaktionsobjekt, das den anfänglichen Dialog kapselt, und dem Medienobjekt, das die Hilfsmeldung präsentiert, eine indirekte Beziehung.
Konfigurelle Beziehung Einen Beziehungstyp, bei dem Medienobjekte auf einem anderen Abstraktionsniveau betrachtet werden, bilden die konfigurellen Beziehungen [VM93]. Medienobjekte werden dabei nicht als atomare Einheiten angesehen, sondern als aus sogenannten Source-, Sink- und Filter-Objekten zusammengesetzte Objekte. Video-Objekte bestehen beispielsweise aus Source-Objekten, die Daten von einer Video-Kamera oder aus einer Datei lesen, und Sink-Objekten, die die Daten auf einen Bildschirm oder in eine Datei ausgeben. Die Daten werden dabei von den Source-Objekten in Form eines Datenstroms an die Sink-Objekte weitergeleitet. Filter-Objekte können zur Manipulation des Datenstroms zwischengeschaltet werden. Konfigurelle Beziehungen kennzeichnen bei dieser Sichtweise auf Medienobjekte den Datenfluß zwischen den Teilobjekten. Sie unterscheiden sich von Beziehungen der anderen Typen dadurch, daß der Begriff Beziehung nicht im Sinne von Constraint zwischen zwei Objekten sondern eher im Sinne von ,,Datenkanal`` zwischen zwei Objekten verwendet wird.
Konfigurelle Beziehungen werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt, da Medienobjekte als atomare Einheiten angesehen werden sollen. Konfigurelle Beziehungen können somit als medienobjektinterne Beziehungen betrachtet werden, die keine Auswirkungen auf andere Medienobjekte haben (siehe auch Abschnitt 2.5.3.5 und die Diskussion in Abschnitt 2.6.3).