Die Entwicklung einer multimedialen Präsentationsanwendung erfolgt in mehreren Phasen, die jedoch im allgemeinen nicht sequentiell durchlaufen werden, sondern denen ein iterativer Entwurfsprozeß zugrundeliegt (siehe auch Abbildung 2.5):
Medienobjekterzeugungsphase Eine multimediale Präsentation besteht aus einer Menge von elementaren Informationseinheiten, die zueinander in Beziehung gesetzt werden. In der Medienobjekterzeugungsphase werden die elementaren Medienobjekte, d.h. Zeichnungen, Texte, Musikstücke, Videosequenzen oder auch spezielle Interaktionsobjekte, wie konkrete Menüs, Buttons oder Hotspots, entweder neu erzeugt oder aus bereits existierenden Bibliotheken kopiert. Es wird eine Sammlung von Medienobjekten erstellt, zwischen denen noch keinerlei Beziehungen existieren. Diese Sammlung wird Medienobjektsammlung oder auch Präsentationsmenge genannt. Fehlen in späteren Entwicklungsphasen konkrete Informationseinheiten, muß in die Medienobjekterzeugungsphase zurückgesprungen werden, um die Erzeugung nachzuholen.
Verbindungsphase Die Verbindungsphase besteht aus den drei Teilphasen Layout-Phase, Strukturierungsphase und Test-Phase, die in einem engen Zusammenhang zueinander stehen.
Layout-Phase Medienobjekte repräsentieren eine bestimmte Information. Diese wird aber nicht nur aus dem gebildet, was präsentiert werden soll; vielmehr ist auch die Art, wie der Inhalt dargestellt wird, von Bedeutung. So kann der Informationsgehalt eines Musikstückes, das leise vorgespielt wird, ein anderer sein, als wenn dasselbe Musikstück laut widergegeben wird. Graphik-Objekte können beispielsweise in Liniendicke, Hintergrundfarbe oder der Position eines Rechtecks innerhalb des gesamten Objektes variieren. Das Präsentationsbild einzelner Medienobjekte setzt also durch ihren eigentlichen Inhalt sowie den aktuellen Werten bestimmter Attribute, die derartige Eigenschaften repräsentieren, zusammen.
Im folgenden sollen dabei Attribute, deren Werte in der Medienobjekterzeugungsphase festgelegt wurden und anschließend nicht mehr zugreifbar sind, unterschieden werden von Attributen, die auch in späteren Phasen noch gelesen und/oder geändert werden können. Erstere werden Informationsattribute,Informationsattribut letztere GestaltungsattributeGestaltungsattribut genannt. In der Layout-Phase werden (initiale) Werte für die Gestaltungsattribute definiert. Im Prinzip dient die Layout-Phase damit der Definition von Initialisierungsbeziehungen. Gestaltungsattribute sind häufig zum Beispiel das Fenster, in dem ein Objekt dargestellt werden soll, und die Position und Größe des Objekts im Fenster oder auch die Lautstärke eines Audio-Objekts. Welche Attribute eines bestimmten Medientyps Informationsattribute und welche Gestaltungsattribute sind, wird vom sogenannten Medientypintegrator festgelegt (siehe Unterabschnitt 2.5.3.5).
Der Vorteil der Unterscheidung zwischen Informationsattributen und Gestaltungsattributen liegt darin, daß ein und dasselbe Medienobjekt der Medienobjektsammlung mehrfach in der Präsentationsanwendung benutzt werden kann, und zwar mit unterschiedlichen Ausprägungen. Falls die Position auf dem Bildschirm Gestaltungsattribut des Medientyps Graphik ist und ein Graphikobjekt existiert, das einen Ball darstellt, ließe sich mit diesem einen Objekt beispielsweise eine Animationssequenz ,,hüpfender Ball`` realisieren. Die Medienobjekte der Medienobjektsammlung sind also über die Gestaltungsattribute parametrisierbar.
Strukturierungsphase Während in der Layout-Phase die einzelnen Medienobjekte noch getrennt voneinander behandelt werden, werden in der Strukturierungsphase Beziehungen zwischen den Objekten definiert. Von besonderer Bedeutung sind dabei die zeitlichen Beziehungen, da sie das Ablaufverhalten der Präsentation bestimmen. Grundlage für die Definition von Beziehungen mit gestalterischen Bedingungen bzw. gestalterischen Auswirkungen sind die Gestaltungsattribute der betroffenen Medienobjekte. Gestalterische Bedingungen können dabei charakterisiert werden als Aussagen über die Werte der Gestaltungsattribute oder über Eigenschaften dieser Werte. Gestalterische Auswirkungen lassen sich interpretieren als Zustandsänderungen von Gestaltungsattributen. Auch die Definition von Interaktionsbeziehungen, d.h. die Festlegung von Auswirkungen einer Benutzerinteraktion ist der Strukturierungsphase zuzuordnen.
Test-Phase Die Test-Phase stellt eine Art Debugging-Phase dar. In der Test-Phase kann sich der Entwickler bereits erstellte Teilausschnitte der Gesamtpräsentation anschauen und damit überprüfen, ob die Präsentation seinen Vorstellungen entspricht. Falls dies nicht der Fall ist, kann er unmittelbar Änderungen am Layout oder der Beziehungsstruktur vornehmen.
Das Resultat der Verbindungsphase ist ein Beziehungsnetzwerk zwischen Medienobjekten, bei denen nun auch die Gestaltungsattribute konkrete Initialwerte besitzen.
Generierungsphase Aufbauend auf dem Beziehungsnetzwerk wird in der Generierungsphase editierbarer Programmcode erzeugt. Bei der Transformation können Fehler und Inkonsistenzen entdeckt werden, die einen Rücksprung in eine vorhergehende Phase zur Folge haben.
Programmierphase In der Verbindungsphase werden häufig graphisch-interaktive Werkzeuge eingesetzt, mit denen sich im allgemeinen nicht alle Eigenschaften einer multimedialen Präsentationsanwendung spezifizieren lassen. In der Programmierphase kann der in der Generierungsphase erzeugte Programmcode editiert und die multimediale Präsentationsanwendung durch die Programmierung in einer textuellen Programmiersprache in ihre endgültige Form gebracht werden. Der geänderte Code wird anschließend in ein ausführbares Programm übersetzt.
Präsentationsphase Die Präsentationsphase beinhaltet die Ausführung der entwickelten Anwendung. Die multimedialen Informationen werden präsentiert, wobei ein Benutzer die Präsentation an den vom Entwickler festgelegten Stellen interaktiv beeinflussen kann. Die Präsentationsphase stellt dabei nur eine Entwicklungsphase einer multimedialen Präsentationsanwendung im weiteren Sinne dar. Im Prinzip ist der eigentliche Entwicklungsvorgang bereits abgeschlossen. Allerdings ist denkbar, daß aufgrund von Benutzerwünschen oder -kritiken (Stichwort: Benutzer-Evaluation) oder aus Gründen einer späteren Aktualisierung der präsentierten Informationen eine Redefinition bestimmter Teile der Präsentationsanwendung erforderlich ist, wodurch wieder in den eigentlichen Entwicklungsprozeß eingestiegen werden muß. Daher soll die Präsentationsphase als Teilphase des Entwicklungsprozesses angesehen werden.
Werkzeugerweiterungsphase Für die Entwicklung einer Präsentationsanwendung wird eine Reihe von Werkzeugen benötigt. Der Begriff ,,Werkzeug`` soll hierbei als Sammelbegriff für Softwarebibliotheken, spezielle Editoren, Interpreter oder auch Compiler verwendet werden. Es kann vorkommen, daß in den einzelnen Entwicklungsphasen bestimmte Konzepte oder Ideen nicht verwirklicht werden können, weil entsprechende Werkzeuge entweder ganz fehlen oder unvollständig sind. In diesem Fall muß ein Sprung in die Werkzeugerweiterungsphase erfolgen. Hier muß dann das Werkzeug entweder ganz neu erstellt oder es müssen Änderungen bzw. Erweiterungen an einem existierenden Werkzeug vorgenommen werden.