Ausgehend von der im vorangehenden Abschnitt vorgenommenen Analyse des Entwicklungsprozesses einer multimedialen Präsentationsanwendung sollte ein Autorenwerkzeug graphisch-interaktive Layout-Werkzeuge, graphisch-interaktive Strukturierungswerkzeuge, einen Interpreter und einen Codegenerator zur Verfügung stellen.
Die Bereitstellung eigener Medienobjekterzeugungswerkzeuge durch ein Autorenwerkzeug ist nicht dringend notwendig. Wichtiger ist, daß externe Medienobjekterzeugungswerkzeuge über Schnittstellen mit dem Autorenwerkzeug gekoppelt werden können. Die universellste Kopplungsmöglichkeit ist die Kopplung über Dateien. Dabei muß ein Medienobjekterzeugungswerkzeug erstellte Medienobjekte in einem bestimmten Format in einer Datei abspeichern können, aus der sie sich in der Verbindungsphase vom Autorenwerkzeug wieder laden lassen. Eine andere Möglichkeit ist die Implementierung eines interaktiven Copy-Paste-Mechanimusses, den sowohl das Medienobjekterzeugungswerkzeug als auch das Autorenwerkzeug unterstützen müssen. Die Medienobjekte werden im Medienobjekterzeugungswerkzeug erstellt und mit Hilfe einer bestimmten Tastenkombination ins Autorenwerkzeug geladen.
Ein Autorenwerkzeug ist in die gesamte Verbindungsphase und die Generierungsphase involviert. Es unterstützt den Regisseur (gleichbedeutend mit Autor) bei allen seinen Teilaufgaben. Die Funktionalität eines Autorenwerkzeugs sollte aber nicht allein auf die Entwicklung kompletter Präsentationsanwendungen beschränkt sein. Auch die Erstellung persistenter komplexer Medienobjekte, die eventuell anderen Autoren zur Verfügung gestellt werden können, sollte ermöglicht werden.
Eine wichtige Anforderung an Autorenwerkzeuge ist ihre Erweiterbarkeit um neue Medientypen. Sie sollten derart konzipiert sein, daß Medientypintegratoren auf einfache Art und Weise Erweiterungen vornehmen können. Objektorientierte Konzepte bieten hier gewisse Vorteile.
Die meisten Autorenwerkzeuge unterstützen nicht die Generierung editierbaren Programmcodes. Stattdessen wird direkt ausführbarer Code erzeugt. Häufig wird jedoch eine speziell für das Autorenwerkzeug definierte Programmier- oder Skriptsprache zur Verfügung gestellt und die Programmierphase in die Verbindungsphase aufgenommen. Das bedeutet, daß ein Regisseur Programmierkenntnisse besitzen muß, was der eigentlichen Motivation von Autorenwerkzeugen, daß mit ihrer Hilfe auch Nicht-Programmierer multimediale Präsentationen entwicklen können, widerspricht. Die Ausgliederung der Programmierphase aus der Verbindungsphase, wie sie in Abschnitt 2.5 geschildert wird, hat beispielsweise im Bereich von Werbeagenturen den Vorteil, daß ein Werbefachmann mit Hilfe graphisch-interaktiver Layout- und Strukturierungswerkzeuge ohne Programmierkenntnisse einen Prototyp der multimedialen Anwendung erstellen und mit Hilfe des Interpreters bereits testen kann. Anschließend kann er editierbaren Code erzeugen und einen Programmierspezialisten mit dem letzten ,,Feinschliff`` der Anwendung beauftragen.
Die größten Unterschiede zwischen existierenden Autorenwerkzeugen sind im Bereich der Strukturierungswerkzeuge zu finden. Wie bereits erwähnt, kann hier eine Klassifikation vorgenommen werden, je nachdem, ob der Autor die Beziehungen explizit oder implizit spezifizieren muß. Neben der Definition von Initialisierungsbeziehungen -- meistens implizit mit Hilfe von Layout-Werkzeugen -- ermöglichen existierende Autorenwerkzeuge hier im allgemeinen nur die visuelle Modellierung zeitlicher Beziehungen. Alle anderen Beziehungstypen, insbesondere die Interaktionsbeziehungen, lassen sich entweder gar nicht definieren oder müssen in der Verbindungsphase explizit mit Hilfe einer integrierten Programmier- bzw. Skriptsprache programmiert werden.
Inwieweit existierende Autorenwerkzeuge die Entwicklung multimedialer Präsentationen unterstützen und den hier gestellten Anforderungen gerecht werden, wird in Kapitel 5 untersucht. Dort wird auch auf die Integration von Interaktionsobjekten sowie die Verwendung von Mechanismen der visuellen Programmierung eingegangen. Die dafür erforderlichen Grundlagen werden in den Kapiteln 3 und 4 vermittelt.