next up previous contents
Next: Programmierung von Interaktionen Up: Interaktionen in multimedialen Präsentationen Previous: Interaktionsobjekte

Interaktionsauswirkungen

Nachdem im vorangehenden Unterabschnitt untersucht wurde, wie, d.h. mit welchen Objekten, ein Benutzer eine multimediale Präsentation beeinflussen kann, soll in diesem Unterabschnitt analysiert werden, welche Auswirkungen eine Benutzerinteraktion auf die Präsentation haben kann. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die Interaktionsbeziehungen, die bereits in Kapitel 2.4.2.5 als Beziehungen definiert wurden, die von Interaktionsobjekten ausgehen und die Auswirkungen definieren, die eine Benutzereingabe über dieses Objekt nach sich zieht. Genauer gesagt, gehen Interaktionsbeziehungen dabei nicht vom Interaktionsobjekt selbst, sondern von seinem Interaktionsattribut aus.

Aufgrund ihrer Auswirkungen lassen sich Benutzerinteraktionen in multimedialen Präsentationen in vier Klassen aufteilen:

 

Navigationsinteraktionen

Navigationsinteraktion  Als Navigationsinteraktionen werden Eingriffe eines Benutzers in eine multimediale Präsentation bezeichnet, die zeitliche Veränderungen der Präsentation zur Folge haben. Sie sind durch Interaktionsbeziehungen mit zeitlichen Auswirkungen zwischen Interaktionsobjekten und anderengif Medienobjekten charakterisiert. In Systemen, die auf einem Timeline-Ansatz basieren, kann eine Navigationsinteraktion beispielsweise den Sprung an eine andere Stelle der Zeitachse bewirken. Durch Sprünge in die Vergangenheit können auf diese Art Schleifen modelliert werden. Auswirkungen von Navigationsinteraktionen in Referenzpunktansätzen sind ebenfalls zeitliche Sprünge, hier zu bestimmten Referenzpunkten. Bei der Start-Ende-Komposition, einem Spezialfall der Referenzpunkt-Komposition mit dem Start und dem Ende eines Objektes als einzigen Referenzpunkten, können damit Navigationsinteraktionen zum Starten bzw. Abbrechen bestimmter Objekte eingesetzt werden.

An Navigationsinteraktionen können Instanzen unterschiedlicher Interaktionstypen beteiligt sein, wie die folgenden Beispiele zeigen:

    0cm
  1. Aus einem Menü kann ein Benutzer auswählen, welches Video er als nächstes sehen möchte.
  2. Das Drücken eines Buttons bewirkt den Start eines Videos.
  3. Wird beim Betätigen eines Schiebereglers ein angegebener Schwellwert überschritten, so wird die Präsentation eines Audio-Objektes abgebrochen.
  4. Im Bereich des Computer-Based-Trainings werden häufig Texteingabefelder für Navigationsinteraktionen benutzt. Beispielsweise muß ein Benutzer beim Fremdsprachentraining die Übersetzung eines bestimmten Begriffes eingeben. Je nachdem, ob seine Antwort richtig oder falsch ist, wird zu einer anderen Stelle der Anwendung verzweigt.
  5. Hotspots dienen in Hypertext-Systemen als gängige Interaktionsobjekte für Navigationsinteraktionen. Sie realisieren die Anker. Je nachdem, welchen Hotspot ein Benutzer anklickt, erscheint das Dokument, auf das der Anker verweist.

Indirekte NavigationsinteraktionenIndirekte Navigationsinteraktion  sind Navigationsinteraktionen, die auf indirekten Beziehungen basieren. Klassisches Beispiel für eine indirekte Navigationsinteraktion ist eine Frage an den Benutzer zu Beginn der Präsentation, von dessen Beantwortung die Aktivierung bestimmter Objekte während der Präsentation abhängig ist (siehe auch Kapitel 2.4.2.6).

 

Gestaltungsinteraktionen

Gestaltungsinteraktion  Als Gestaltungsinteraktionen werden Eingriffe eines Benutzers in eine multimediale Präsentation bezeichnet, die Auswirkungen auf die Gestaltung der Präsentation haben. Sie sind durch Interaktionsbeziehungen zwischen Interaktionsobjekten und (anderen) Medienobjekten mit gestalterischen Auswirkungen gekennzeichnet. Gestaltungsinteraktionen führen also zu einer Zustandsänderung von Gestaltungsattributen der gekoppelten Medienobjekte. Es folgen einige typische Gestaltungsinteraktionen:

    0cm
  1. Mit Hilfe eines Schiebereglers kann ein Benutzer die Lautstärke eines Audio-Objektes regulieren.
  2. Über eine Farbpalette (spezielles Menü) wird einem Benutzer Einfluß auf die Farbgebung eines graphischen Objektes gewährt.
  3. Zur Änderung des Fonts eines Textobjektes kann ein Menü dienen, oder ein Benutzer gibt den gewünschten Font über ein Texteingabefeld ein.
  4. Die Umpositionierung eines Objektes auf dem Bildschirm kann mit Hilfe eines MoveGuards realisiert werden.

Viele Interaktionsobjekte sind visuelle Medienobjekte, d.h. sie besitzen ein Erscheinungsbild, das auf dem Bildschirm plaziert werden muß. Dies kann unter Umständen die eigentliche Präsentation stören bzw. unübersichtlich machen. Falls möglich sollten visuelle Interaktionsobjekte daher durch direkt-manipulative Medienobjekte ersetzt werden. Eine schlechte Alternative zum MoveGuard in Beispiel 4 stellt beispielsweise ein Texteingabefeld dar, in dem der Benutzer die neue Position eingeben muß. Zur Größenveränderung visueller Objekte könnte ein sogenannter Interaktionstyp ResizeGuard in ein Autorenwerkzeug integriert werden. Instanzen dieses Typs könnten mit visuellen Objekten gekoppelt werden und direkt-manipulativ deren Größenveränderung ermöglichen.

Dadurch daß viele Interaktionsobjekte selbst ein Erscheinungsbild auf dem Bildschirm haben, also zugleich auch Ausgabemedienbjekte darstellen, können auch Interaktionsobjekte vom Benutzer manipuliert werden. Die Umpositionierung eines Schiebereglers auf dem Bildschirm, der zur Regulierung der Audio-Lautstärke eingesetzt wird, ist eine durchaus vorstellbare Gestaltungsinteraktion. Die Änderung der Farbe eines Schiebereglers bei seiner Betätigung durch den Benutzer ist ein Beispiel für eine Gestaltungsinteraktion, bei der sich ein Interaktionsobjekt selbst manipuliert.

Wie den Navigationsinteraktionen können auch den Gestaltungsinteraktionen indirekte Beziehungen zugrundeliegen. In diesem Fall spricht man von indirekten Gestaltungsinteraktionen.Indirekte Gestaltungsinteraktion  Legt ein Benutzer beispielsweise zu Beginn der Präsentation über einen Schieberegler eine generelle Lautstärke für die gesamte Präsentation fest, definiert er damit indirekte Beziehungen vom Schieberegler zu allen Audio-Objekten der Anwendung.

Benutzereingriffe können auch mehrfache Auswirkungen eventuell sogar von unterschiedlichem Typ haben. Das ist genau dann der Fall, wenn von einem Interaktionsobjekt mehrere Interaktionsbeziehungen ausgehen. Ein Beispiel für eine kombinierte Gestaltungs-Navigationsinteraktion ist das Abbrechen eines Audio-Objektes, falls beim Regulieren seiner Lautstärke mit Hilfe eines Schiebereglers ein bestimmter Grenzwert überschritten wird.

 

Intra-Media-Interaktionen

Intra-Media-Interaktion  Eine Intra-Media-Interaktion ist eine medientypspezifische Interaktion, die nur objektinterne Auswirkungen nicht aber Auswirkungen auf andere Objekte einer multimedialen Präsentation hat. Über Intra-Media-Interaktionen werden Informationsattribute -- und keine Gestaltungsattribute -- des Interaktionsobjektes verändert. Aufgrund dieser Eigenschaft sind Intra-Media-Interaktionen für einen Autor im Prinzip ohne Bedeutung. Ihre Auswirkungen werden bereits vom Medientypintegrator festgelegt.

Klassisches Beispiel einer Intra-Media-Interaktion ist das Eingeben von Zeichen in einen Texteditor, einer Instanz eines gleichnamigen Medientyps. Bei der Medientypintegration habe der Medientypintegrator dabei vorgesehen, daß der vom Benutzer eingegebene Text lediglich in eine Datei abgespeichert, nicht aber über ein Gestaltungsattribut in Beziehung zu anderen Medienobjekten gesetzt werden soll.

 

Autor-Interaktionen

Autor-Interaktion  Eine Autor-Interaktion ist definiert als ein Eingriff eines Benutzers in eine multimediale Präsentation, der das multimediale Beziehungsnetzwerk ändert. Folgendes Beispiel soll die Einführung dieser vierten Klasse motivieren: Beim Lesen eines Hypertext-Dokuments möchte ein Benutzer das Dokument um eigene Text-Seiten erweitern und Verweise von Begriffen des Dokumentes zu seinen Ergänzungen definieren. Bei einer Autor-Interaktion fungiert der Benutzer also quasi als Autor (daher auch der Name). Er entfernt während der Präsentation existierende Knoten oder Kanten aus dem Netzwerk, oder er fügt neue hinzu.

In Präsentationsanwendungen, die Benutzern in Form kompilierter Stand-Alone-Programme zur Verfügung gestellt werden, sind Autor-Interaktionen schwer realisierbar, da der Code, der ja das zugrundeliegende multimediale Beziehungsnetzwerk reflektiert, nicht mehr änderbar ist. Ein Ansatz zur Lösung dieses Problems besteht darin, daß einem Benutzer die Anwendung nicht als unabhäniges Stand-Alone-Programm zur Verfügung gestellt wird, sondern daß die Präsentation unter Zuhilfenahme des Autorenwerkzeugs durchgeführt wird. Im Prinzip entspricht damit die Präsentationsphase der Test-Phase, die Präsentationsanwendung wird also interpretiert. Allerdings werden während der Präsentation die Layout- und Strukturierungswerkzeuge ausgeblendet, so daß optisch kein Unterschied zu einer Stand-Alone-Präsentation besteht. Möchte ein Benutzer eine Autor-Interaktion durchführen, kann er die Werkzeuge jedoch jederzeit mit Hilfe bestimmter Kommandos wieder einblenden und mit ihnen die gewünschten Änderungen am Beziehungsnetzwerk vornehmen. Dieser Ansatz ist in vielen existierenden Autorenwerkzeugen realisiert. Häufig werden zusätzliche Mechanismen bereitgestellt, über die der eigentliche Autor bestimmte Funktionalitäten des Autorenwerkzeugs für den Benutzer sperren kann. Hauptnachteil dieses Lösungsansatzes ist, daß die Präsentationsanwendung interpretiert wird und damit die Präsentation im allgemeinen wesentlich langsamer ist, als wenn die Anwendung in kompilierter Form vorliegt.

Bei einem zweiten Lösungsansatz wird ein Medientyp Autorenwerkzeug in das Autorenwerkzeug integriert, der das Autorenwerkzeug selbst repräsentiert. Möchte ein Autor einer Präsentationsanwendung einem Benutzer die Möglichkeit geben, an bestimmten Stellen der Präsentation Autor-Interaktionen durchzuführen, so baut er eine Instanz dieses Typs, ein sogenanntes Autorenwerkzeug-Medienobjekt, in das multimediale Beziehungsnetzwerk ein. Der Start eines solchen Objektes während der Präsentation bewirkt den Aufruf des Autorenwerkzeugs. Dabei wird die gerade ausgeführte Präsentationsanwendung in das Autorenwerkzeug geladen und in ihm der aktuelle Präsentationszustand hergestellt. Der Benutzer führt nun die Änderungen am Beziehungsnetzwerk durch, generiert neuen Code und bricht die alte Präsentation ab. Nach der Übersetzung des generierten Codes kann die Anwendung mit der geänderten Struktur neu ausgeführt werden. Autor-Interaktionen können in diesem Ansatz damit als Intra-Media-Interaktionen eines Medientyps Autorenwerkzeug charakterisiert werden. Vorteil dieses Ansatzes ist, daß Autor-Interaktionen auch in kompilierten Programmen möglich sind. Allerdings muß während der Präsentation die Ausführung der Anwendung mitprotokolliert werden, damit das Autorenwerkzeug-Medienobjekt bei seiner Aktivierung den aktuellen Präsentationszustand laden kann.


next up previous contents
Next: Programmierung von Interaktionen Up: Interaktionen in multimedialen Präsentationen Previous: Interaktionsobjekte

Dietrich Boles
Thu Nov 14 14:58:01 MET 1996