Abbildung 1.1 stellt schematisch die verschiedenen Abstraktionsebenen der Programmierung von Multimedia-Systemen vor. Die Basis dieser Schichtenarchitektur bildet die Multimedia-Hardware. In diese Ebene lassen sich beispielsweise Audio- und Videotechnik, Datenkompression und auch Eingabegeräte einordnen. Konventionelle Datenbanksysteme, Betriebssysteme und Kommunikationssysteme müssen an die Anforderungen der Multimedia-Hardware angepaßt werden. Die Schicht der System-Software stellt derartige Dienste zur Verfügung. Eine low-level Programmierschnittstelle bieten die hardwareabhängigen Bibliotheken. Auf ihrer Grundlage implementierte Anwendungen sind im allgemeinen jedoch nicht portabel. Multimedia-Toolkits (Toolkits zur Programmierung multimedialer Benutzerschnittstellen) kapseln dahingegen hardwarespezifische Details und definieren eine einheitliche Schnittstelle zu den verschiedenen Medientypen. Desweiteren werden durch Multimedia-Toolkits auch multimediaspezifische Probleme, wie die Synchronisation kontinuierlicher Medien, programmiertechnisch gelöst. Auf den Multimedia-Toolkits aufbauend werden höhere Werkzeuge implementiert. Kennzeichen dieser Konstruktionswerkzeuge ist ihre graphisch-interaktiv gestaltete Benutzerschnittstelle. Für ihre Benutzung sind im allgemeinen keine Programmierkenntnisse erfordern. Zu den Medienobjekterzeugungs- und -bearbeitungswerkzeugen gehören beispielsweise Graphik-Editoren und Werkzeuge zur Bearbeitung digital repräsentierter Musik oder Editoren zur Aufbereitung und Manipulation von Videos. Charakteristisch für diese Werkzeuge ist, daß mit ihnen im allgemeinen nur Objekte eines bestimmten Medientyps, wie Audio, Video, Graphik, Text oder Animation, bearbeitet werden können. Sinn und Zweck von Autorenwerkzeugen ist dagegen die Entwicklung kompletter multimedialer Anwendungen, insbesondere die Modellierung von Zusammenhängen zwischen Medienobjekten unterschiedlicher Typen. Mit Hilfe der höheren Konstruktionswerkzeuge ist die Erstellung multimedialer Endprodukte, wie interaktive multimediale Präsentationsanwendungen, Hypertext/Hypermedia-Dokumente, elektronische Sprachkurse, multimediale Computerspiele und vieles mehr möglich.
Abbildung 1.1: Abstraktionsebenen der Programmierung von
Multimedia-Systemen
In dieser Arbeit werden schwerpunktmäßig Autorenwerkzeuge untersucht. Die anderen Komponenten der Schichtenarchitektur werden -- wenn überhaupt -- nur periphär betrachtet. Einen umfangreichen Überblick über diese Komponenten liefert [Ste93b]. Mit Hilfe von Autorenwerkzeugen lassen sich insbesondere interaktive multimediale Präsentationsanwendungen entwickeln. Wie sich in Kapitel 2 herausstellen wird, decken Autorenwerkzeuge aber auch Teilbereiche der Erstellung von Hypertext/Hypermedia-Dokumenten ab. Autorenwerkzeuge, die eine flexible Modellierung von Benutzerinteraktionen unterstützen, sind zudem auch für die Entwicklung von multimedialer Lehr-/Lernsoftware und Produkten aus dem Spiel- und Unterhaltungsbereich geeignet.
In [GCA92] werden Ansätze für die Entwicklung und Beschreibung multimedialer Präsentationen in die Kategorien Konstruktionswerkzeuge, Software-Bibliotheken, Dokumentarchitekturen und formale Beschreibungen eingeteilt. Autorenwerkzeuge gehören in die Kategorie der Konstruktionswerkzeuge. Auf Software-Bibliotheken wird kurz in Kapitel 2 eingegangen. Das IMRA-Modell, das in Kapitel 6 vorgestellt wird, läßt sich der Kategorie der formalen Beschreibungen zuordnen. Auf multimediale Dokumentarchitekturen und die entsprechenden Standards soll im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter eingegangen werden. [Gö94] stellt repräsentative Ansätze der verschiedenen Kategorien vor und vergleicht sie miteinander.
Autorenwerkzeuge unterstützen ihren Benutzer, den Autor, bei der Modellierung multimedialer Präsentationsanwendungen, sie geben ihm aber keine Richtlinien und Vorschläge zu deren Gestaltung. Fragen wie, welche Farbe ist die geigneteste Hintergrundfarbe, welche Musik paßt am besten zu einer bestimmten Produktpräsentation oder welche Stelle des Bildschirms eignet sich am ehesten für die Plazierung eines Menüs, werden durch Autorenwerkzeuge nicht beantwortet. Hierfür könnten beispielsweise Hilfesysteme oder Expertensysteme implementiert werden. Auf Eigenschaften der Gestaltung multimedialer Präsentationen wird genauer in [Sch94a] eingegangen.