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Timeline-basierte Autorenwerkzeuge

Timeline-basierte Autorenwerkzeuge sind dadurch charakterisiert, daß die Medienobjekte auf einer Zeitachse angeordnet werden, die den zeitlichen Verlauf der Präsentation widerspiegelt. Navigationsinteraktionen bewirken im allgemeinen einen Zeitsprung.

 

MacroMind Director

MacroMind Director (MMD) (Version 4.0) [Mac92b, Lü94] ist das am weitesten verbreitete Autorenwerkzeug zur Erstellung interaktiver multimedialer Präsentationsanwendungen auf dem Macintosh. Dort erstellte Anwendungen können als Stand-Alone-Applikationen mit entsprechender Software auch auf dem PC unter Windows abgespielt werden. Neben graphischen Strukturierungswerkzeugen stellt MMD als integrierte Medienobjekterzeugungswerkzeuge einen Graphikeditor, einen Texteditor, ein Mal-Programm sowie umfangreiche Hilfsmittel zur Erstellung von Animationen zur Verfügung. Andere Daten, wie 3D-Graphiken, Audio- oder Video-Daten, können aus anderen Macintosh-Programmen importiert werden.

MMD-Elemente

Während in HyperCard die Metaphern Stapel und Karte und in ToolBook die Metaphern Buch und Seite benutzt werden, bedient sich MMD der Metaphern Film, Szene und Darsteller. Multimediale Präsentationsanwendungen werden als komplexe Filme angesehen, die sich aus einer Reihe einfacher Szenen zusammensetzen. Wie im richtigen Film auch, werden diese Szenen als eine Serie von Einzelbildern realisiert. Der Filmeffekt kommt dadurch zustande, daß die Bilder in schneller Folge gezeigt werden. Ein Darsteller ist eine individuelle Graphik, zum Beispiel ein Ball. Wird dieser auf hintereinanderfolgenden Bildern an unterschiedliche Bildschirmpositionen gesetzt, läßt sich ein hüpfender Ball simulieren.

Das sogenannte Studio dient dem Autor, auch Regisseur genannt, zur Regieführung. Das Studio besteht aus 11 Fenstern, von denen die Bühne, das Steuerpult, die Besetzung und die Regie die wichtigsten sind (siehe Abbildung 5.3). Die Bühne ist das Fenster, in dem der Film abläuft. In der Regel überdeckt sie den gesamten Bildschirm. Mit Hilfe des Steuerpults kann die Filmausführung kontrolliert werden. In der Besetzung werden Darsteller gespeichert. Sie repräsentiert damit eine Medienobjektsammlung. Ein Film besteht aus einer Reihe von Einzelbildern. Bilder setzen sich wiederum im allgemeinen aus einer Menge von Darstellern zusammen. Aus diesem Grund wird im Regiefenster eine Gitterstruktur zur Definition der Ablaufverhalten eines Films verwendet. Jede Zelle repräsentiert einen Darsteller mit zusätzlichen Attributen, wie zum Beispiel die Position auf der Bühne. Eine Spalte konstruiert ein Gesamtbild, stellt also ein komplexes Medienobjekt dar. Die Zeilen, auch Kanäle genannt, spiegeln den Filmablauf wider.

 
Abbildung 5.3:  Fenstertypen in MacroMind Director

Lingo

Lingo [Mac92a] ist die Programmierpsrache von MMD. Sie ähnelt stark HyperTalk, enthält aber einige weitergehende Konzepte. Wie in HyperTalk werden auch in Lingo Programme, hier Skripte genannt, den verschiedenen Objekten zugeordnet. Ein Film-Skript wird dem gesamten Film zugeordnet. Es definiert, was geschieht, wenn ein Film startet, endet oder pausiert. Den einzelnen Zellen des Regiefensters können Regie-Skripte zugeordnet werden. Sie werden ausgeführt, wenn der Filmablauf die entsprechende Spalte erreicht. Ein Darsteller-Skript gehört zu einem Darsteller. Die einzige Möglichkeit, ein Darsteller-Skript zu aktivieren, besteht im Drücken des Mausknopfes über dem Darsteller. Schließlich gibt es noch Ereignis-Skripte, in denen Reaktionen auf die Betätigung der Maustaste oder der Tastatur spezifiziert werden, wenn die Handlungen nicht über einem Darsteller stattfinden. Sie können auch definieren, was passieren soll, wenn eine Zeitlang keine Benutzerinteraktionen erfolgen. Entsprechend den XCMDs von HyperTalk kann in Lingo über sogenannte XObjekte externer Code integriert werden.

Über die Fähigkeiten von HyperTalk hinaus, ist es in Lingo möglich, Klassen (Factories) zu definieren, die als Schablonen zur Erzeugung von Objekten dienen. Dieses Konzept ist insbesondere dann nützlich, wenn ein Film mehrere gleichartige Objekte beinhalten soll, wie beispielsweise mehrere hüpfende Bälle. Weitergehende objektorientierte Konzepte, wie zum Beispiel die Vererbung, werden allerdings nicht angeboten.

Interaktionen

Bezüglich der Definition von Interaktionen durch einen Autor ähnelt MMD stark HyperCard. Als Eingabegeräte werden lediglich die Maus und die Tastatur unterstützt. Als vordefinierte Interaktionsobjekte sind Check-Buttons (Ankreuzfelder), Command-Buttons und Texteingabefelder vorhanden. Weiterhin besteht die Möglichkeit, mit Hilfe von Lingo-Funktionen die Macintosh-Menüleiste zu manipulieren. Weitergehende Interaktionsobjekte sind nur über die XObject-Schnittstelle integrierbar.

Zur Definition von Navigations- und Gestaltungsinteraktionen muß ein Autor Lingo-Programme schreiben. Ein Vorteil von MMD gegenüber HyperCard ist, daß nicht nur Buttons und Textfeldern Programme zugeordnet werden können, sondern beliebigen Darstellern, d.h. insbesondere auch Graphiken. Nachteilig wirkt sich aber aus, daß Darsteller-Skripte nur über das mouseUp-Event aktiviert werden können. Für die Behandlung anderer Ereignisse müssen Regie-Skripte und Ereignis-Skripte hinzugezogen werden. Navigationsinteraktionen werden im allgemeinen mit Hilfe des goto-Statements implementiert. Dazu können Bilder benannt werden. Der Name kann dann als Zieladresse des Sprunges benutzt werden. Normalerweise wird der Film ausgeführt, indem die Informationen der Spalten des Regiefensters von links nach rechts fortlaufend ausgegeben werden. Beinhaltet nun eine Spalte ein Skript mit einem goto-Statement und wird dieses Skript aktiviert, so erfolgt ein Sprung zum angegebenen Bild. Auf diese Art und Weise können auch Schleifen programmiert werden. Während Autor-Interaktionen im Interpretermodus jederzeit durch eine entsprechende Manipulation im Regiefensters möglich sind, werden sie in generierten Stand-Alone-Anwendungen nicht unterstützt.

Weitere Produkte

Action! [Wä93, Bre93] ist ein auf dem Apple Macintosh und auf dem PC unter Windows verfügbares Autorenwerkzeug für die Entwicklung einfacher interaktiver multimedialer Präsentationsanwendungen. Es ist ein vollständig visuelles Werkzeug, das ohne die Verwendung einer Programmiersprache auskommt. Für die Modellierung der zeitlichen Komposition ist ein Timeline-Editor vorhanden. An Interaktionsobjekten stellt Action! einem Autor lediglich Buttons (mit parametrisierbarem Erscheinungsbild) zur Verfügung, die auf einem Hintergrund plaziert werden können. Die Aktionen, die beim Anklicken eines Buttons durch einen Benutzer ausgeführt werden, kann der Autor über ein Menü auswählen. In dem Menü sind aber ausschließlich Aktionen vorhanden, die einen Sprung zu einem anderen Medienobjekt, d.h. dessen Start bewirken. Action! unterstützt damit allein die Spezifikation von bestimmten vordefinierten Navigationsinteraktionen. Es ist weder um weitere Interaktionstypen noch um zusätzliche Auswirkungen von Navigationsinteraktionen erweiterbar. Aktion!-ähnliche Werkzeuge sind M tex2html_wrap_inline6045 Integrator [Lin94] und Passport Producer Pro [Sch94b].

Auf der Hardware-Basis des IBM PS/2 ist das Autorenwerkzeug Audio Video Connection (AVC) [Moo90, Ang90] von IBM verfügbar. Zur Modellierung des Kontrollfluß einer multimedialen Präsentationsanwendung wird die Programmiersprache AVA eingesetzt, eine prozedurale Programmiersprache mit speziellen Sprachelementen zur Behandlung von Bild und Ton. Der textuelle AVC story editor ermöglicht die Definition zeitlicher Beziehungen mit Hilfe von AVA. An Interaktionsmöglichkeiten werden Menü- und Tastatureingaben unterstützt. Navigationsinteraktionen werden als Kombinationen aus Hotspots, hier Trigger-Felder genannt, und AVA-Code realisiert. Ein ähnliches, auch auf der Programmiersprache AVA basierendes Autorenwerkzeug, ist Ultimedia Builder/2 [Ebn94].

Die Erzeugung, Synchronisation und Präsentation multimedialer Objekte in einer verteilten Umgebung ist Ziel des Autorenwerkzeugs MODE [BHL91]. In MODE werden Medienobjekte auf verschiedenenen Abstraktionsebenen betrachtet. Informationsobjekte speichern die zu präsentierenden Daten. Ihnen können ein oder mehrere Präsentationsobjekte unterschiedlichen Typs zugeordnet werden, die die Daten ihrem Typ gemäß präsentieren. Zum Transport von Informationen auf entfernte Knoten werden die Objekte für die Zeit des Transports in Transportobjekte transformiert. Zur Verwaltung von Gestaltungsattributen werden Basisobjekte verwendet, die aus diesen Attributen sowie einer Referenz auf das zugehörige Informationsobjekt bestehen. Zur Handhabung von Zeitspannen werden Timer-Objekte bereitgestellt. Interaktionsobjekte sorgen für die Kommunikation mit dem Benutzer. Sie kapseln die Verarbeitung bestimmter Benutzereingaben und können als Reaktion auf eine Benutzereingabe durch den Aufruf von Funktionen des Laufzeitsystems die multimediale Präsentation beeinflussen. Die zeitliche Komposition erfolgt in MODE auf der Grundlage der Basisobjekte über Referenzpunkte. Die Synchronisation wird durch den Synchronizer, einer Komponente des Laufzeitsystems, sichergestellt. Als graphisch-interaktives Werkzeug zur Erzeugung multimedialer Objekte wird der sogenannte Synchronization-Editor zur Verfügung gestellt. Er ermöglicht einerseits die separate Präsentation einzelner Medienobjekte. Andererseits unterstützt er die zeitliche Komposition durch eine interaktive Definition der Referenzpunkte der einzelnen Objekte und die Verknüpfung von Referenzpunkten. Desweiteren lassen sich mit Hilfe des Synchronization-Editors auch räumliche Beziehungen zwischen den Objekten in Abhängigkeit von der Zeit interaktiv spezifizieren.

Dem Autorenwerkzeug Muse [HSA89] liegt ein spezielles Datenmodell zugrunde, auf dem aufbauend Werkzeuge für die Erzeugung strukturierter multimedialer Dokumente sowie zu deren Verbindung zu komplexen multimedialen Netzwerken implementiert worden sind. Das Datenmodell wird aus den vier Komponenten Graphen, Dimensionen, Constraints und Prozeduren gebildet. Ein (gerichteter) Graph im Muse-Modell repräsentiert dabei eine komplexe multimediale Anwendung. Die Knoten des Graphen stellen Aggregationen von elementaren Informationseinheiten unterschiedlichen Typs, sogenannte Informationspakete, dar. Die Kanten können als Hyperlinks aber auch als Zustandstransitionen gedeutet werden. Jedes Informationspaket besteht aus beliebig vielen Dimensionen, Medienobjekten, Constraints und Prozeduren. Eine Dimension wird durch einen Integer-Wertebereich und einen aktuellen Wert beschrieben, der beispielsweise durch die System-Uhr oder Benutzereingaben verändert werden kann. Eine zeitliche Komposition kann dadurch realisiert werden, daß die zu synchronisierenden Medienobjekte derselben zeitlichen Dimension zugeordnet werden, was einer Timeline-Komposition entspricht. Eine räumliche Komposition ist durch das Mappen von Bildern in zweidimensionale Räume modellierbar. Dadurch daß Dimensionen aber nicht nur zeitliche bzw. physikalische Räume sondern beliebige Werte dynamischer Systeme repräsentieren können, können über die Dimensionen auch gestalterische und gemischte Beziehungen sowie Interaktionsbeziehungen spezifiziert werden. Als Hilfsmittel zur Definition von Beziehungen werden in Muse deklarative, lineare Constraints zwischen den Attributen der Dimensionen und den Attributen der Medienobjekte eingesetzt. In den Fällen, wo Constraints zur Beschreibung spezieller Sachverhalte nicht mächtig genug sind, können den Medienobjekten Prozeduren zugeordnet werden. Diese Prozeduren beinhalten Aktionen oder Nachrichtenhandler, die in der HyperTalk-ähnlichen objektorientierten Sprache EventScript programmiert werden.


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Dietrich Boles
Thu Nov 14 14:58:01 MET 1996