Die Tabellen im letzten Unterabschnitt geben einen guten Überblick über die Eigenschaften existierender Autorenwerkzeuge. Festzustellen ist, daß sich die Werkzeuge in vielen Punkten gleichen. Tatsächlich sind einige dadurch entstanden, daß die Grundkonzepte ihrer Vorbilder übernommen, aber gewisse Einschränkungen bzw. Nachteile erkannt und beseitigt wurden. Klassisches Beispiel ist HyperCard mit seinen erweiterten Dupplikaten Plus, SuperCard, MetaCard und ToolBook. Andere wurden wiederum entwickelt als ,,abgespeckte`` aber preisgünstigere Varianten ihrer teuren professionellen Vorbilder. Beispiele hierfür bilden CourseBuilder und InterActive mit ihrem Vorbild Authorware Professional. Da die meisten der hier verglichenen Autorenwerkzeuge kommerziell erwerblich und keine reinen Forschungsansätze sind, läßt sich vermuten, daß einige Hersteller bei der Entwicklung ihrer Autorenwerkzeuge sicher nicht den innovativen Aspekt sondern eher den Profit bzw. die Präsenz auf dem boomenden Multimedia-Markt im Auge hatten.
Bei einigen Produkten kann durchaus sogar angezweifelt werden, ob für sie die Bezeichnung ,,Autorenwerkzeug`` überhaupt gerechtfertigt ist. Sie stellen zwar hervorragende Medienobjekterzeugungswerkzeuge zur Verfügung, der eigentliche Sinn und Zweck von Autorenwerkzeugen, nämlich die flexible Kombinierbarkeit voneinander unabhängiger Informationseinheiten, d.h die Definition von Beziehungen unterschiedlichen Typs zwischen den Medienobjekten, kommt jedoch bei weitem zu kurz. Vielfach sind zeitliche Beziehungen die einzigen unterstützten Beziehungen. Insbesondere Interaktionsbeziehungen lassen sich nur sehr eingeschränkt definieren. Gerade bei den bildschirm-basierten Autorenwerkzeugen ist häufig nur ein Karten- bzw. Seitenwechsel durch das Anklicken eines Buttons modellierbar. Bezüglich der Unterstützung diskreter Medien stellt die Karten bzw. Seitenmetapher sicher ein nützliches Hilfsmittel für ein gut strukturiertes, übersichtliches Informationssystem, also ein Hypertext/Hypermedia-System, dar. Fragwürdig ist jedoch, ob sich diese Metapher noch für eine flexible interaktive Multimedia-Show unter Einbeziehung kontinuierlicher Medien eignet. Durch die Integration einer Programmiersprache versuchen gerade die bildschirm-basierten Autorenwerkzeuge derartige Mankos zu umgehen. Dadurch wird allerdings eine wesentliche Zielsetzung von Autorenwerkzeugen, nämlich die Unterstützung von Nicht-Programmierern bei der Entwicklung interaktiver multimedialer Präsentationsanwendungen, verworfen.
Der Timeline-Ansatz bietet sicher die übersichtlichste Form der visuellen Definition zeitlicher Beziehungen zwischen Medienobjekten. Schwierigkeiten ergeben sich jedoch zum einen bei der Einbeziehung anderer Beziehungstypen in die graphische Repräsentation und zum anderen bei der Handhabung von Medienobjekten mit unbestimmter ,,Lebenszeit``, wie Live-Videos und Interaktionsobjekte. Diese beiden Probleme werden durch Flowchart-Diagramme beseitigt. Zwar wird mit Hilfe von Flußdiagrammen nur noch der grobe Ablauf der Präsentation graphisch dargestellt, dafür lassen sich jedoch Interaktionsobjekte harmonisch in das Gesamtbild integrieren. Leider nehmen die existierenden flowchart-basierten Autorenwerkzeuge den Begriff ,,Flußlinie`` zu wörtlich: Kanten in den Flowchart-Diagrammen spiegeln lediglich den möglichen Kontrollfluß, also Beziehungen, die eine zeitliche Sequenz repräsentieren, wider. Komplexere zeitliche Beziehungen oder andere Beziehungstypen sind meistens gar nicht definierbar oder sie werden nicht visualisiert (wie bei Authorware Professional). Denkbar ist hier die Erweiterung des Flußgraphen zu einem allgemeinen Beziehungsgraphen, in dem Kanten zwischen den Medienobjekten nicht nur zeitliche sondern auch andere Beziehungstypen kennzeichnen.
Die meisten Autorenwerkzeuge bieten als Interaktionsobjekte
Buttons und Hotspots -- vorwiegend zur
Realisierung von Navigationsinteraktionen -- an. Schieberegler
oder auch Hilfsmittel zur Modellierung direkt-manipulativer
Medienobjekte, also klassische Interaktionsobjekte zur Durchführung
von Gestaltungsinteraktionen,
werden nur von wenigen Autorenwerkzeugen zur Verfügung gestellt.
Eine allgemeine visuelle Modellierung von Gestaltungsinteraktionen
wird durch kein existierendes Autorenwerkzeug
unterstützt.
Ein anderer zu untersuchender Aspekt ist die Erweiterbarkeit von Autorenwerkzeugen um neue Medientypen. Einige Werkzeuge ermöglichen die Einbindung bestimmter neuer Medientypen über eine externe Schnittstelle. Bei den Produkten, durch die nur einfache zeitliche Beziehungen modellierbar sind, ergeben sich dabei auch kaum Probleme. Bei den mächtigeren Werkzeugen ist allerdings eine Integration von Objekten der neuen Typen in ein multimediales Beziehungsnetzwerk nur noch über die explizite Programmierung seitens des Autors möglich. Eine direkte Integration neuer Medientypen wird nur durch MODE unterstützt. Aus der Literatur ging jedoch nicht hervor, wie diese Eigenschaft realisiert wird. Ein Ansatz zur Realisierung der direkten Integration stellt die objektorientierte Programmierung dar. Wenn das Autorenwerkzeug selbst objektorientiert konzipiert und implementiert wird, kann ein Medientypintegrator neue Medientypen durch das Ableiten entsprechender Klassen von geeigneten abstrakten Basisklassen integrieren. Die zugrundeliegenden Mechanismen zur Beziehungsdefinition lassen sich schon auf der Ebene der abstrakten Klassen durch den Entwickler des Autorenwerkzeugs implementieren und werden an abgeleitete Klassen vererbt.
HyperCard, ToolBook oder auch MacroMind Director integrieren eine spezielle Programmiersprache in das Autorenwerkzeug. Programmierkenntnisse sind auch zur Entwicklung und zum inkrementellen Testen einfacher interaktiver multimedialer Präsentationsanwendungen unabdingbar. Verbindungsphase und Programmierphase werden vermischt. Dahingegen geht Apple mit dem Apple Media Kit den in Kapitel 2.5 vorgestellten Weg der Trennung von Verbindungs- und Programmierphase. Mit Hilfe des Apple Media Tools kann ein Nicht-Programmierer, beispielsweise ein Designer oder Werbefachmann, das grobe Layout und die grobe Funktionalität der zu entwickelnden Präsentationsanwendung rein visuell festlegen und bereits inkrementell testen. Dieser Prototyp kann anschließend in lesbaren Programmcode transformiert und von einem erfahrenen Programmierer mit Hilfe des Apple Media Tool Programming Environments um nicht visuell programmierbare Eigenschaften erweitert werden. Die strikte Trennung von visueller und textueller Programmierung bietet Vorteile für das schnelle Prototyping und eine Arbeitsaufteilung zwischen verschiedenartigen Spezialisten (Designer, Programmierer). Allerdings sind die Beziehungen, die sich mit Hilfe des Apple Media Tools visuell programmieren lassen, in der derzeitigen Version noch äußerst beschränkt. Außerdem ist es nicht möglich, einmal generierten und erweiterten Code wieder in das Apple Media Tool zu laden.
Als Fazit kann zusammengefaßt festgestellt werden, daß existierende Autorenwerkzeuge bezüglich der visuellen Programmierung primär die Modellierung von zeitlichen Beziehungen und mit Hilfe von graphisch-interaktiven Layout-Werkzeugen auch von Initialisierungbeziehungen unterstützen. Andersartige Beziehungen lassen sich -- wenn überhaupt -- nur mit Hilfe einer Programmier- oder Skript-Sprache nicht aber visuell definieren. Eine graphisch-interaktive Spezifikation von Gestaltungsinteraktionen ist gar nicht möglich. Die geeignetste Strukturierungsmetapher zur Integration von Interaktionen ist die Flowchart-Metapher. Allerdings muß der reine Zeitgraph zu einem allgemeinen Beziehungsgraph erweitert werden. Interaktionsobjekte stellen dann, wie andere Medienobjekte auch, spezielle Knoten des Graphen dar. Interaktionsbeziehungen sind, wie andere Beziehungen auch, spezielle Kanten des Graphen. Zur einfachen Erweiterbarkeit des Autorenwerkzeug um neue Medientypen, inbesondere auch um neue Interaktionstypen, sollte dieses objektorientiert und implementiert werden. Eine Generierung von editierbarem Programmcode aus der visuellen Spezifikation ist der Integration einer speziellen Programmiersprache in das Autorenwerkzeug vorzuziehen.