In Kapitel 2 wurden die charakteristischen Merkmale multimedialer Präsentationsanwendungen und ihres Entwicklungsprozesses beschrieben und daraus Anforderungen an Autorenwerkzeuge abgeleitet. In Kapitel 3 wurden diese Anforderungen in Bezug auf die Modellierung von Benutzerinteraktionen im Rahmen multimedialer Präsentationen konkretisiert bzw. erweitert. Autorenwerkzeuge stellen visuelle Entwicklungswerkzeuge dar. Probleme, die sich bei der visuellen Programmierung von interaktiven multimedialen Präsentationsanwendungen ergeben, wurden in Kapitel 4 diskutiert. Die Analyse existierender Autorenwerkzeuge in Kapitel 5 auf der Grundlage der Anforderungen aus den vorhergehenden Kapiteln hat gezeigt, daß die meisten Autorenwerkzeuge diese Probleme nicht lösen. Kritikpunkte sind die fehlende oder sehr eingeschränkte Unterstützung der visuellen Modellierung von Beziehungen sowie die fehlende Erweiterbarkeit der Autorenwerkzeuge um neue Medientypen.
IMRA-Modell Media-Relationship-Diagramm Hauptziel bei der Entwicklung des IMRA-Modells, das in diesem Kapitel vorgestellt wird, war die Lösung dieser Probleme. Das IMRA-Modell selbst ist allerdings kein Autorenwerkzeug. Vielmehr stellt das IMRA-Modell einen Formalismus zur Beschreibung und Modellierung interaktiver multimedialer Präsentationsanwendungen sowie einen Algorithmus zur Verfügung, der auf der Grundlage des Formalismus das Verhalten der modellierten Anwendungen beschreibt. Während der Formalismus eine Art Syntax für den strukturellen Aufbau interaktiver multimedialer Präsentationsanwendungen definiert, charakterisiert der Algorithmus eine operationelle Semantik der modellierten Anwendungen, d.h. er beschreibt die eigentliche Präsentation. Daher wird er auch Präsentationsalgorithmus genannt.Präsentationsalgorithmus Zur übersichtlicheren Handhabung des abstrakten Formalismus wurde aufbauend auf seiner Grundlage eine graphische Notation, die sogenannten Media-Relationship-Diagramme (MR-Diagramme), entwickelt. Mit Hilfe von MR-Diagrammen lassen sich interaktive multimediale Präsentationsanwendungen visuell beschreiben bzw. modellieren. MR-Diagramme definieren die Lexikalik und Syntax einer anwendungsorientierten visuellen Programmiersprache zur Konstruktion interaktiver multimedialer Präsentationsanwendungen, deren Semantik durch den Präsentationsalgorithmus gegeben ist.
Der Formalismus des IMRA-Modells ist stark durch die Sichtweise auf multimediale Präsentationsanwendungen geprägt, die den Ausführungen in Kapitel 2 zugrundeliegt: Über Attribute lassen sich Beziehungen zwischen Medienobjekten definieren. Daher stammt auch der Name: IMRA steht für ,,Inter-Media-Relationships via Attributes``.
Das IMRA-Modell bietet eine Basis für die Entwicklung und Implementierung
konkreter Autorenwerkzeuge. Aufgrund der Eigenschaften des IMRA-Modells
wird dabei insbesondere der Entwurf von Strukturierungswerkzeugen
sowie die Integration neuer Medientypen in das Autorenwerkzeug
unterstützt. MR-Diagramme können dabei als Grundlage des
Designs von Strukturierungseditoren dienen.
Autorenwerkzeuge, die aufbauend auf dem IMRA-Modell erstellt werden, sollen
im folgenden als IMRA-Autorenwerkzeuge bezeichnet werden.IMRA-Autorenwerkzeug
Der Formalismus des IMRA-Modells ist unter dem Gesichtspunkt entwickelt
worden, ihn so mächtig wie zur Modellierung allgemeiner
Präsentationsanwendungen nötig zu definieren, ihn aber so minimal wie
möglich zu halten, wobei unter der Minimalität jedoch nicht seine
Ausdrucksfähigkeit und Flexibilität leiden sollte.
Dem Aspekt der Minimalität steht allerdings der Aspekt der
Überschaubarkeit gegenüber: Bei der Modellierung komplexer
multimedialer Präsentationsanwendungen werden MR-Diagramme schnell
unübersichtlich.
Konkrete Autorenwerkzeuge sollten daher (visuelle) Hilfsmittel auf einem
höheren Abstraktionsniveau zur Verfügung stellen.
Ein konkretes IMRA-Autorenwerkzeug stellt das Autorenwerkzeug FMAD dar, dessen Realisierung in Kapitel 7 beschrieben wird. Anhand von FMAD wird demonstriert, daß das IMRA-Modell die Konstruktion von Autorenwerkzeugen unterstützt, die alle in Kapitel 2.6.1 gestellten Anforderungen erfüllen. Insbesondere das eigentliche Thema dieser Arbeit, nämlich die Integration von Mechanismen zur Modellierung von Benutzerinteraktionen in Autorenwerkzeuge, wird durch das IMRA-Modell in vollem Umfang unterstützt.
Dieses Kapitel ist derart gegliedert, daß in Abschnitt 1 der Formalismus des IMRA-Modells informell erläutert und die MR-Diagramme eingeführt werden. In Abschnitt 2 wird der Präsentationsalgorithmus -- ebenfalls informell -- vorgestellt. Die formale Beschreibung des IMRA-Modells findet sich im Anhang dieser Arbeit. Abschnitt 3 enthält eine Untersuchung, inwieweit das IMRA-Modell den Entwicklungsprozeß einer multimedialen Präsentationsanwendung sowie die Implementierung von IMRA-Autorenwerkzeugen unterstützt. Die Modellierung von Hypertext/Hypermedia-Dokumenten mit Hilfe des IMRA-Modells ist die Thematik von Abschnitt 4. Abschnitt 5 beschreibt Lösungsansätze für das in Kapitel 4.2 diskutierte Problem der visuellen Programmierung von Beziehungen.