In ihrer Gründerzeit waren Computer reine Rechenmaschinen.
Ihr primärer Verwendungszweck war die Entlastung des Menschen
bei routinemäßigen Arbeiten mit Zahlenkolonnen.
Bedingt durch die enorme Geschwindigkeit der Weiterentwicklung
von Hardware und Software expandierte der Einsatzbereich von
Computern jedoch rasch; aus den ursprünglichen Rechenmaschinen
wurden Maschinen, die man als Informationsmaschinen
bezeichnen
kann. Computer sind heute in der Lage, riesige Datenmengen (und damit
im allgemeinen Informationen) zu speichern.
Mit Hilfe von Computern können Daten erzeugt,
manipuliert, repräsentiert und verbreitet werden. Computer sind damit zu
Hilfsmitteln der Kommunikation,
d.h. dem Informationsaustausch
zwischen
Menschen geworden.
Lange Zeit war der Informationsaustausch durch eine textuelle Repräsentation der Daten geprägt. Die Schnittstelle zwischen Mensch und Computer bestand bis in die 80er Jahre hinein (fast) ausschließlich aus einer Tastatur und einem ASCII-Bildschirm. Über die Tastatur konnten Daten in rein textueller Form in den Computer eingegeben werden. Auf dem Bildschirm wurden die Daten als Folge von Buchstaben visualisiert. Dieses Bild änderte sich erst im Laufe der 80er Jahre. Die Tastaturen wurden auf der Eingabeseite durch die sogenannten Mäuse ergänzt. Hochauflösende Graphikbildschirme verdrängten auf der Ausgabeseite immer mehr die ASCII-Terminals. Dadurch wurde es möglich, Daten auch in Form von Graphiken bzw. Bildern zu präsentieren und zu bearbeiten, was den menschlichen Fähigkeiten zur Informationsaufnahme entgegenkommt (,,Ein Bild sagt mehr als tausend Worte``). Diese Entwicklung hatte zur Folge, daß sich die Rolle des Computers, ausschließlich eine Maschine für Experten zu sein, änderte, und er Einzug in viele Bereiche des menschlichen Lebens hielt.
Allerdings ist die Fähigkeit eines Computers, als Hilfsmittel zum Informationsaustausch zwischen Menschen zu dienen, auch damit noch sehr beschränkt. Wenn Menschen direkt miteinander kommunizieren, bedienen sie sich bewußt oder unbewußt aller ihrer Sinne. Sie nehmen Informationen über die verschiedenen Sinnesorgane auf; durch sehen, hören, riechen, fühlen und schmecken. Sie vermitteln Informationen mit Hilfe von Sprache, Gestik, Mimik, Schrift und Bild. Ein derartiges Spektrum an Kommunikationsmöglichkeiten besitzt der Computer heutzutage hauptsächlich aufgrund technischer Barrieren noch nicht. Zahlreiche Forschungsprojekte versuchen aber die Schwierigkeiten zu ergründen und zu beseitigen (siehe beispielsweise [BB87b]). Erste Erfolge zeigten sich in den letzten Jahren durch die Integration der Medien Audio und Video in den Computer. Allgemeines Ziel dieser Forschungsrichtung ist die Erweiterung der Schnittstelle zwischen Mensch und Computer durch multimodale und multimediale Techniken. Multimodal bedeutet dabei, daß Informationen über mehrere unterschiedliche Quellen in den Computer eingegeben werden können (Tastatur, Maus, Spracheingabe, Gestik, ...). Multimedial bezeichnet die Möglichkeit, Informationen mit Hilfe des Computers auf verschiedene Art und Weise zu präsentieren (Text, Graphik, Bild, Bewegtbild, Musik, Sprache, ...). In seiner Rolle als Kommunikationshilfsmittel wird der Computer damit immer mehr den menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen gerecht. Aber nicht nur für den Benutzer resultieren aus dieser Entwicklung Vorteile; im kommerziellen Bereich öffnen sich durch die Innovationen ganz neue Märkte, und es ergeben sich neue Möglichkeiten der Nutzung von Computern, beispielsweise im Bereich der Werbung. Darüberhinaus wird der Computer aufgrund der erweiterten Ein-/Ausgabeschnittstelle Personengruppen zugänglich, die ihn bisher nicht nutzen konnten, wie Blinde oder Körperbehinderte.
Dieses Kapitel soll einen Einblick in das Gebiet der Multimedia-Systeme
geben.
Schwerpunktmäßig werden dabei multimediale Präsentationsanwendungen
betrachtet, ihre charakteristischen Merkmale analysiert und daraus
Anforderungen an den Entwurf und die Implementierung von
Software-Werkzeugen zu ihrer Entwicklung abgeleitet.
Derartige Werkzeuge stellen die Autorenwerkzeuge
dar.
Im ersten Abschnitt wird der Begriff Multimedia
untersucht. Der zweite Abschnitt gibt Beispiele für
Anwendungsfelder von Multimedia-Systemen.
Wie multimediale Präsentationsanwendungen stellen auch
Hypertext/Hypermedia-Systeme eine Teilmenge der Multimedia-Systeme
dar. Sie werden in Abschnitt 3 vorgestellt.
Abschnitt 4 enthält eine Charakterisierung multimedialer
Präsentationsanwendungen und einen Vergleich mit
Hypertext/Hypermedia-Systemen.
Abschnitt 5 analysiert den Prozeß, der der Entwicklung einer
multimedialen Präsentationsanwendung zugrunde liegt.
Die in den Abschnitten 4 und 5 gewonnenen Erkenntnisse fließen
in eine Anforderungsdefinition an Autorenwerkzeuge ein,
die in Abschnitt 6 erfolgt.
Anzumerken ist, daß die Charakterisierung multimedialer Präsentationsanwendungen in Abschnitt 4 und die Analyse ihres Entwicklungsprozesses in Abschnitt 5 im Rahmen dieser Arbeit entstanden sind. In der Literatur finden sich keine entsprechenden Charakterisierungen. Nicht allen existierenden Autorenwerkzeugen liegt dieselbe Terminologie und Sichtweise zugrunde. Sie erfüllen im allgemeinen nur eine Teilmenge der in Abschnitt 6 gestellten Anforderungen, wie der Vergleich in Kapitel 5 zeigen wird. Die hier dargestellte Sichtweise auf multimediale Präsentationsanwendungen und ihre Entwicklung dient als Grundlage zur Definition des IMRA-Modells in Kapitel 6.