Verallgemeinert lassen sich Multimedia-Autorensysteme definieren als graphisch-interaktive Softwareentwicklungsumgebungen zur Erstellung interaktiver multimedialer Anwendungen. Spezifischere Details über konkrete Anforderungen an Autorensysteme, ihren Aufbau und die generelle Arbeitsweise mit Autorensystemen werden in diesem Abschnitt vorgestellt. Außerdem werden existierende Autorensysteme klassifiziert, ihre Eignung für verschiedene Einsatzbereiche untersucht und Empfehlungen für die Auswahl von Autorensystemen gegeben. Zunächst wird jedoch eine kurze Charakterisierung interaktiver multimedialer Anwendungen, also der Produkte, die mit Autorensystemen erstellt werden, vorgenommen, auf der die Charakterisierung von Autorensystemen basiert.
Ziel einer multimedialen Anwendung ist es, einen Benutzer über einen bestimmten Sachverhalt zu informieren. Dieses Ziel wird dadurch erreicht, daß einzelne voneinander unabhängige Informationseinheiten in einen Zusammenhang zueinander gebracht werden. Multimediale Anwendungen lassen sich damit charakterisieren als ein Netzwerk aus Knoten und Kanten. Die Knoten repräsentieren die elementaren Informationseinheiten. Sie werden als Informationsobjekte bezeichnet. Die Kanten legen den Zusammenhang, d.h. Beziehungen zwischen den Informationsobjekten fest.
Die einzelnen Informationseinheiten einer multimedialen Anwendung, wie Graphiken, Musikstücke und Videos, kapseln jeweils bestimmte Informationen und können daher, angelehnt an die Terminologie der objektorientierten Programmierung, als (Informations-) Objekte betrachtet werden. Neben Medienobjekten, wie Texte, Graphiken, Audios, Videos und Animationen, bilden Interaktionsobjekte, wie Buttons, Menüs, Schieberegler und Texteingabefelder, eine zweite Klasse von Informationsobjekten. In eine dritte Klasse lassen sich anwendungsspezifische Objekte einordnen, die beispielsweise eine Datenbank, eine Wissensbasis oder eine Statistikkomponente repräsentieren.
Mitunter ist es sinnvoll, einen Teil des Beziehungsnetzwerks als eine Einheit zu betrachten, beispielsweise einen Film zusammen mit seiner Vertonung. Derartige zusammengesetzte Einheiten können als komplexe Informationsobjekte bzw. Multimedia-Objekte angesehen werden, die durch Komposition von anderen - elementaren bzw. selbst wieder komplexen - Informationsobjekten - ihren Komponentenobjekten - und Beziehungen zwischen den Komponentenobjekten gebildet werden.
Von besonderem Interesse in multimedialen Anwendungen sind dabei zeitliche, räumliche und Navigationsbeziehungen. Über zeitliche Beziehungen (Beziehungen mit einem zeitlichen Auslöser und einer zeitlichen Auswirkung) wird der generelle Ablauf der Anwendung definiert, räumliche Beziehungen (räumlicher Auslöser und räumliche Auswirkung) dienen der Anordnung visueller Objekte auf dem Bildschirm und über Navigationsbeziehungen (Nutzerauswahl als Auslöser und zeitliche Auswirkung) wird festgelegt, an welcher Stelle ein Benutzer den Ablauf der Anwendung beeinflussen kann.
Die Hauptanforderungen an Autorensysteme, die sich aus der obigen Charakterisierung interaktiver multimedialer Anwendungen ergeben, sind die Einbindung von Informationsobjekten unterschiedlichen Typs bzw. Formats in die Anwendung, die Verwaltung von Objekten und Beziehungen sowie die Bereitstellung von Mechanismen zur Definition von Beziehungen. Weiterhin müssen Autorensysteme technische Aspekte, die mit den neuen Medien verbunden sind, wie Synchronisation und Kompression, vor den Entwicklern verbergen. Die anfallenden Aufgaben sollten so weit wie möglich mit graphisch-interaktiven Hilfsmitteln durchgeführt werden können, um auch Nicht-Programmierern die Erstellung interaktiver multimedialer Anwendungen zu ermöglichen. Graphisch-interaktiv bedeutet in diesem Zusammenhang die Nutzung der Maus und direkt-manipulativer Interaktionsformen wie Cut-and-Paste- und Drag-and-Drop-Mechanismen unterstützt durch geeignete Metaphern anstelle der Notwendigkeit einer textuellen Programmierung.
Zusätzlich stellen die meisten Autorensysteme eigene Werkzeuge zur Erstellung bzw. Bearbeitung medientypspezifischer Objekte wie Graphik-, Animations-, Audio- und Video-Editoren zur Verfügung. Diese besitzen häufig jedoch nur rudimentäre Funktionalität. Viel wichtiger ist es deshalb, daß Autorensysteme den Import gängiger Formate unterstützen, so daß Medienobjekte mit professionellen Werkzeugen erstellt und importiert werden können.
Zur Verwaltung von Informationsobjekten und Beziehungen kann das Autorensystem entweder auf die Dateiverwaltung des Betriebssystems zurückgreifen, oder es kann ein eigenes oder fremdes Datenbanksystem verwenden. Existierende Autorensysteme basieren im allgemeinen auf der ersten Alternative, obwohl durch den Einsatz von Datenbanksystemen deren Vorteile wie flexible Suchmöglichkeiten, Integritätssicherung, Mehrbenutzerbetrieb, Datensicherung und Datenschutz genutzt werden könnten.
Der größte Unterschied existierender Autorensysteme besteht in der Art und Weise, wie die Definition von zeitlichen Beziehungen und von Navigationsbeziehungen unterstützt wird:
Neben den oben genannten Hauptanforderungen sollten Autorensysteme als weitere Anforderungen insbesondere einen jederzeitigen Test der sich in Entwicklung befindlichen Anwendung, die Generierung von Stand-Alone-Anwendungen sowie die Anbindung externer Programme unterstützen. Ein jederzeitiger Test ermöglicht die Erstellung der Anwendung im Sinne des Rapid-Prototyping, dem insbesondere bei der Entwicklung von Benutzerschnittstellen eine hohe Bedeutung zukommt. Die Generierung von Stand-Alone-Anwendungen ist sinnvoll, damit die Anwendungen von zukünftigen Nutzern ohne zusätzliche Software ausgeführt werden können. Durch externe Schnittstellen sind bspw. Zugriffe auf Datenbanken oder Netzwerke möglich.
Die typische Arbeitsweise eines Multimedia-Entwicklers mit einem Autorensystem und der Aufbau eines Autorensystems ergeben sich aus den obigen Anforderungen und werden in Abbildung 1 skizziert.
In der Informationsobjekterzeugungsphase werden die elementaren Informationsobjekte erzeugt bzw. bearbeitet. Hierzu werden entweder fremde oder ins Autorensystem integrierte Werkzeuge verwendet. Die noch voneinander unabhängigen Objekte werden in einer Informationsobjektsammlung abgelegt, die von der Objektverwaltung des Autorensystems verwaltet wird. Die eigentliche Authoringphase besteht aus der Verbindungs- und Testphase. In der Verbindungsphase werden Beziehungen zwischen den Objekten definiert. Dazu werden unterschiedliche Werkzeuge zur Beziehungsmodellierung eingesetzt wie Layout-Editoren, Timeline-Editoren, Flowchart-Editoren oder auch Programmentwicklungsumgebungen für die Anfertigung von Skripten bzw. Programmen. In der Testphase kann sich ein Entwickler durch Aktivierung eines Interpreters jederzeit Ausschnitte der Anwendung anschauen und damit überprüfen, ob die Anwendung seinen Vorstellungen entspricht. Ergebnis der Authoringphase Phase ist ein Multimedia-Netzwerk, das von der Beziehungsverwaltung des Autorensystems verwaltet wird. Letztendlich wird als Endprodukt mit Hilfe eines Generators eine interaktive multimediale Anwendung als Stand-Alone-Anwendung erzeugt.
Eine Klassifikationsmöglichkeit für Autorensysteme auf der Basis der Art und Weise, wie die Definition zeitlicher Beziehungen unterstützt wird, wurde oben bereits vorgestellt. Weitere Klassifikationen von Autorensystemen sind bspw. aufgrund der Authoring-Plattformen bzw. der Abspielplattformen möglich. In der Fachliteratur hat sich eine nicht-orthogonale Klassifikation auf der Grundlage bestimmter Authoring-Paradigmen etabliert, die eine Erweiterung der obigen Klassifikation darstellt. Diese Klassifikation enthält die im folgenden erläuterten Kategorien, für die jeweils Vor- und Nachteile, die geeignetsten Einsatzbereiche und exemplarisch einige Autorensysteme aufgeführt werden.
Eine sehr häufig gestellte Frage ist: Was ist eigentlich das beste Autorensystem? Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten. Vielmehr sollte jeder, der eine eigene Multimedia-Anwendung erstellen will, zunächst konkrete Anforderungen ermitteln:
Gemäß dieser Anforderungen sollte dann das geeignetste Autorensystem ausgewählt werden. Das bedeutet auch, daß es für einen Autor unter Umständen notwendig ist, den Umgang mit unterschiedlichen Autorensystemen zu erlernen. Wenn nämlich die Anforderungsanalyse ergibt, daß sich die zu entwickelnde Anwendung nicht oder nur sehr schwierig mit dem bisher von ihm eingesetzten System realisieren läßt, ist ein Umstieg dringend zu empfehlen.
Vor dem Kauf eines Autorensystems ist anzuraten, sich zunächst eine Demo-Version zu beschaffen, um den Umgang mit dem System und seine Funktionalität zu testen. Existierende Autorensysteme weisen große Unterschiede in der Bandbreite ihrer Funktionalität und auch im Preis auf (kostenlos bis hin zu einigen zehntausend DM).