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Unterabschnitte

  
9.3 Interaktionen in multimedialen Anwendungen

Erst durch die Möglichkeit seitens eines Benutzers, die Präsentation multimedialer Informationen durch Eingaben zu beeinflussen, wird das volle Potential eines Computers beispielsweise gegenüber dem Fernsehen genutzt. Insbesondere in den Anwendungsfeldern Unterhaltung und Computer-Based-Training sind multimediale Anwendungen ohne Interaktionsfähigkeiten kaum einsetzbar: Spiele werden naturgemäß durch menschliche Handlungen gesteuert, und das Lernen bestimmter Sachverhalte wird durch Übungen und praktische Anwendungen wesentlich besser gefördert, als durch eine reine Präsentation des Lernstoffes. Auch bei Point-Of-Sale-Stationen sind Benutzerinteraktionen für die Bestellung eines Produktes unbedingt erforderlich. Reine Point-Of-Information-Stationen beispielsweise zur Produktinformation kämen prinzipiell auch ohne Interaktionsmöglichkeiten aus. Oft gilt es jedoch, eine große Menge von Informationen für unterschiedliche Benutzer bereitzuhalten. Könnte ein Benutzer nicht selbständig auswählen, welche Information er zu welchem Zeitpunkt zu sehen wünscht, sondern bekäme er jedes Mal die gesamte Informationsflut präsentiert, würde die Station wohl kaum benutzt werden.

Wie die Beispiele zeigen, sind Anwendungsfelder multimedialer Anwendungen, in denen ein Benutzer lediglich einen passiven Konsumenten darstellt, äußerst selten. Quasi alle Anwendungsfelder sehen im Benutzer einen aktiven Teilhaber an der Präsentation. Benutzereingriffe sind dabei nicht einheitlich sondern von sehr unterschiedlicher Gestalt: Sie haben unterschiedliche Auswirkungen, erfordern die Erfüllung unterschiedlicher Interaktionsaufgaben und sind mit unterschiedlichen Interaktionsformen, Interaktionstechniken und Eingabegeräten realisierbar. Für einen Autor ist damit der Einbau von Interaktionsmöglichkeiten in eine Anwendung keine einfache Aufgabe. Er muß entscheiden, an welchen Stellen Benutzereingriffe überhaupt sinnvoll sind, muß sich ihrer Auswirkungen im klaren sein und muß überlegen, welche Interaktionsformen, Interaktionstechniken und Eingabegeräte für eine bestimmte Aufgabe am geeignetsten sind. Für ein Autorenwerkzeug bedeutet dies ein hohes Maß an Flexibilität, gerade in Bezug auf Interaktionen: Es muß einem Autor alle Gestaltungsmöglichkeiten offen lassen und zahlreiche Hilfsmittel zur Behandlung von Interaktionen anbieten. Darüberhinaus muß es erweiterbar sein, d.h. eine unkomplizierte Integration zusätzlicher Interaktionsformen bzw. -techniken in das Werkzeug ermöglichen.

9.3.1 Interaktionsobjekte

Interaktionsobjekt Interaktionsobjekte sind als Instanzen von Interaktionstypen definiert, die bestimmte Interaktionstechniken kapseln, d.h. Interaktionsobjekte stellen bestimmte Interaktionsformen dar. Die in multimedialen Anwendungen am häufigsten verwendeten Interaktionsobjekte sind dabei die UI-Komponenten. UI-Komponenten sind dadurch gekennzeichnet, daß sie ein Erscheinungsbild besitzen, also als visuelle Interaktionsobjekte charakterisiert werden können. Interaktionsobjekte, die der Interaktionsform der Direkten Manipulation zugeordnet werden können, wie MoveGuards (Instanzen eines Interaktionstyps MoveGuard), gehören im allgemeinen zur Klasse der nicht-visuellen Interaktionsobjekte. MoveGuards müssen mit visuellen Medienobjekten gekoppelt, d.h. in Beziehung gesetzt werden, die sich dadurch auf dem Bildschirm direkt-manipulativ verschieben lassen.

Genauso wie Ausgabemedienobjekte sind auch Interaktionsobjekte vom Autor über Gestaltungsattribute parametrisierbar, sofern der Medientypintegrator des entsprechenden Interaktionstyps dies vorgesehen hat. Mögliche Gestaltungsattribute für UI-Komponenten sind beispielsweise geometrische Attribute, wie ihre Position auf dem Bildschirm und ihre Größe, oder visuelle Attribute, wie ihre Farbgebung. Denkbare Gestaltungsattribute für MoveGuards sind die Angabe des zu koppelnden Medienobjektes oder -- bei einer Maus mit mehreren Tasten -- die Maustaste, deren Betätigung registriert werden soll. Interaktionsobjekte haben darüberhinaus im allgemeinen ein spezielles Gestaltungsattribut, InteraktionsattributInteraktionsattribut genannt, das das Resultat der entsprechenden Benutzereingabe speichert. Beim Menu kann dies beispielsweise die Nummer des vom Benutzer ausgewählten Items sein, beim Texteingabefeld die eingegebene Zeichenfolge.

9.3.2 Interaktionsauswirkungen

Nachdem im vorangehenden Unterabschnitt untersucht wurde, wie, d.h. mit welchen Objekten, ein Benutzer eine multimediale Präsentation beeinflussen kann, soll in diesem Unterabschnitt analysiert werden, welche Auswirkungen eine Benutzerinteraktion auf die Präsentation haben kann. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die Interaktionsbeziehungen, die bereits in Kapitel 3 als Beziehungen definiert wurden, die von Interaktionsobjekten ausgehen und die Auswirkungen definieren, die eine Benutzereingabe über dieses Objekt nach sich zieht. Genauer gesagt, gehen Interaktionsbeziehungen dabei nicht vom Interaktionsobjekt selbst, sondern von seinem Interaktionsattribut aus.

Aufgrund ihrer Auswirkungen lassen sich Benutzerinteraktionen in multimedialen Anwendungen im wesentlichen in zwei Klassen aufteilen:

  
9.3.2.1 Navigationsinteraktionen

Navigationsinteraktion Als Navigationsinteraktionen werden Eingriffe eines Benutzers in eine multimediale Präsentation bezeichnet, die zeitliche Veränderungen der Präsentation zur Folge haben. Sie sind durch Interaktionsbeziehungen mit zeitlichen Auswirkungen zwischen Interaktionsobjekten und anderen9.10 Medienobjekten charakterisiert. In Systemen, die auf einem Timeline-Ansatz basieren, kann eine Navigationsinteraktion beispielsweise den Sprung an eine andere Stelle der Zeitachse bewirken. Durch Sprünge in die Vergangenheit können auf diese Art Schleifen modelliert werden. Auswirkungen von Navigationsinteraktionen in Referenzpunktansätzen sind ebenfalls zeitliche Sprünge, hier zu bestimmten Referenzpunkten. Bei der Start-Ende-Komposition, einem Spezialfall der Referenzpunkt-Komposition mit dem Start und dem Ende eines Objektes als einzigen Referenzpunkten, können damit Navigationsinteraktionen zum Starten bzw. Abbrechen bestimmter Objekte eingesetzt werden.

An Navigationsinteraktionen können Instanzen unterschiedlicher Interaktionstypen beteiligt sein, wie die folgenden Beispiele zeigen:

1.
sep-0.1cm
2.
Aus einem Menü kann ein Benutzer auswählen, welches Video er als nächstes sehen möchte.
3.
Das Drücken eines Buttons bewirkt den Start eines Videos.
4.
Wird beim Betätigen eines Schiebereglers ein angegebener Schwellwert überschritten, so wird die Präsentation eines Audio-Objektes abgebrochen.
5.
Im Bereich des Computer-Based-Trainings werden häufig Texteingabefelder für Navigationsinteraktionen benutzt. Beispielsweise muß ein Benutzer beim Fremdsprachentraining die Übersetzung eines bestimmten Begriffes eingeben. Je nachdem, ob seine Antwort richtig oder falsch ist, wird zu einer anderen Stelle der Anwendung verzweigt.
6.
Hotspots dienen in Hypertext-Systemen als gängige Interaktionsobjekte für Navigationsinteraktionen. Sie realisieren die Anker. Je nachdem, welchen Hotspot ein Benutzer anklickt, erscheint das Dokument, auf das der Anker verweist.

Indirekte NavigationsinteraktionenIndirekte Navigationsinteraktion sind Navigationsinteraktionen, die auf indirekten Beziehungen basieren. Klassisches Beispiel für eine indirekte Navigationsinteraktion ist eine Frage an den Benutzer zu Beginn der Präsentation, von dessen Beantwortung die Aktivierung bestimmter Objekte während der Präsentation abhängig ist (siehe auch Kapitel 3.2.7).

  
9.3.2.2 Gestaltungsinteraktionen

Gestaltungsinteraktion Als Gestaltungsinteraktionen werden Eingriffe eines Benutzers in eine multimediale Präsentation bezeichnet, die Auswirkungen auf die Gestaltung der Präsentation haben. Sie sind durch Interaktionsbeziehungen zwischen Interaktionsobjekten und (anderen) Medienobjekten mit gestalterischen Auswirkungen gekennzeichnet. Gestaltungsinteraktionen führen also zu einer Zustandsänderung von Gestaltungsattributen der gekoppelten Medienobjekte. Es folgen einige typische Gestaltungsinteraktionen:

1.
sep-0.1cm
2.
Mit Hilfe eines Schiebereglers kann ein Benutzer die Lautstärke eines Audio-Objektes regulieren.
3.
Über eine Farbpalette (spezielles Menü) wird einem Benutzer Einfluß auf die Farbgebung eines graphischen Objektes gewährt.
4.
Zur Änderung des Fonts eines Textobjektes kann ein Menü dienen, oder ein Benutzer gibt den gewünschten Font über ein Texteingabefeld ein.
5.
Die Umpositionierung eines Objektes auf dem Bildschirm kann mit Hilfe eines MoveGuards realisiert werden.

Viele Interaktionsobjekte sind visuelle Medienobjekte, d.h. sie besitzen ein Erscheinungsbild, das auf dem Bildschirm plaziert werden muß. Dies kann unter Umständen die eigentliche Präsentation stören bzw. unübersichtlich machen. Falls möglich sollten visuelle Interaktionsobjekte daher durch direkt-manipulative Medienobjekte ersetzt werden. Eine schlechte Alternative zum MoveGuard in Beispiel 4 stellt beispielsweise ein Texteingabefeld dar, in dem der Benutzer die neue Position eingeben muß. Zur Größenveränderung visueller Objekte könnte ein sogenannter Interaktionstyp ResizeGuard in ein Autorenwerkzeug integriert werden. Instanzen dieses Typs könnten mit visuellen Objekten gekoppelt werden und direkt-manipulativ deren Größenveränderung ermöglichen.

Dadurch daß viele Interaktionsobjekte selbst ein Erscheinungsbild auf dem Bildschirm haben, also zugleich auch Ausgabemedienbjekte darstellen, können auch Interaktionsobjekte vom Benutzer manipuliert werden. Die Umpositionierung eines Schiebereglers auf dem Bildschirm, der zur Regulierung der Audio-Lautstärke eingesetzt wird, ist eine durchaus vorstellbare Gestaltungsinteraktion. Die Änderung der Farbe eines Schiebereglers bei seiner Betätigung durch den Benutzer ist ein Beispiel für eine Gestaltungsinteraktion, bei der sich ein Interaktionsobjekt selbst manipuliert.

Wie den Navigationsinteraktionen können auch den Gestaltungsinteraktionen indirekte Beziehungen zugrundeliegen. In diesem Fall spricht man von indirekten Gestaltungsinteraktionen.Indirekte Gestaltungsinteraktion Legt ein Benutzer beispielsweise zu Beginn der Präsentation über einen Schieberegler eine generelle Lautstärke für die gesamte Präsentation fest, definiert er damit indirekte Beziehungen vom Schieberegler zu allen Audio-Objekten der Anwendung.

Benutzereingriffe können auch mehrfache Auswirkungen eventuell sogar von unterschiedlichem Typ haben. Das ist genau dann der Fall, wenn von einem Interaktionsobjekt mehrere Interaktionsbeziehungen ausgehen. Ein Beispiel für eine kombinierte Gestaltungs-Navigationsinteraktion ist das Abbrechen eines Audio-Objektes, falls beim Regulieren seiner Lautstärke mit Hilfe eines Schiebereglers ein bestimmter Grenzwert überschritten wird.


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Dietrich Boles
1998-12-23