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Unterabschnitte
8.2 Klassische Animationstechniken
Der Eindruck eines dynamischen Vorgangs muß nicht immer an ein
zeitkontinuierliches Medium gebunden sein.
Schon ein einzelnes Bild kann viel über Zustandsänderungen einer
Szene aussagen.
Einige Techniken, in stehenden Bildern Dynamik zu erzeugen, werden
hier vorgestellt:
- Körperhaltung. Der Betrachter kann anhand der Körperhaltung
einer Figur deren Bewegung und Bewegungsrichtung erkennen. So kann ein Läufer
von einem stehenden Menschen unterschieden werden und die
Bewegungsrichtung des Läufers ist erkennbar.
- Deformierung eines Objektes kann z.B. beim freien Fall
oder auch bei Kollisionen eingesetzt werden.
Aus der veränderten Form kann der Betrachter auf Aufschlagsstärke und
die vorherige
Bewegungsrichtung der Objekte schließen. (Siehe Abb.8.1)
- Wellenformen bedeuten für den Betrachter fast immer eine
Bewegung oder (periodische) Zustandsänderung eines Objektes. So
werden Wasser, Rauch, Flammen oder Dampf immer wellenförmig
gezeichnet.
- Explosionen und Blitze sind Beispiele dafür, wie
sich komplexe Abläufe durch eine einfache Zeichnung darstellen
lassen. Der Betrachter kann bei geschickter Konstruktion die
Bewegungsrichtung, Ausmaß und gleichzeitig die Wirkung auf die
Figuren ermessen. (Siehe Abb.8.1)
Abbildung:
Verschiedene Zeichnungen, die Bewegung ausdrücken
 |
- Spuren zeigen den vollendeten Weg eines Objektes
an. Dadurch läßt sich z.B. eine Reise dokumentieren.
- Unschärfe oder Verwackeln ist aus der Fototechnik bekannt und
vermittelt dem Betrachter den Eindruck, daß sich das unscharfe Objekt
im Moment der Aufnahme schnell bewegt hätte.
Beim Erstellen eines Bildes muß der Zeichner natürlich
die Gesetze der Perspektive und die Naturgesetze, wie Schwerkraft
und Trägheit der Körper, beachten. Dies gilt sowohl in einem
Film wie auch in einzelnen Bildern.
Der Zeichentrickfilm bietet aufgrund seiner inzwischen langen
Geschichte ein breites Repertoire an Animationstechniken. Die einfachste
Art, eine Szene zu erstellen, besteht darin, jedes
einzelne Bild komplett zu zeichnen und abzufotografieren. Die
in der Videotechnik vorgegebene Anzahl von 24 Bildern pro Sekunde dient als
Richtlinie für Planung und Berechnung der einzelnen
Bewegungsabläufe. Dabei genügt es allerdings zwölf Zeichnungen pro
Sekunde zu erstellen, die dann jeweils zweimal abfotografiert
werden. Dies reicht aus, um dem Zuschauer eine fließende
Animation zu bieten.
Bevor mit der Erstellung des Zeichentrickfilms begonnen werden kann, sind
Vorarbeiten zu leisten.
Der Inhalt des Films wird in einem Drehbuch festgehalten. Das Drehbuch beschreibt
jedoch nur rein textuell die Handlung. Für die Regie ist ist jedoch
notwendig einen zeitlichen Ablaufplan mit visuellen Elementen zu erstellen.
Aus dem Drehbuch wird darum ein
Storyboard erstellt,
in dem entlang einer Zeitleiste die Handlungsführung,
Szenenwechsel und Kamerabewegungen aufgeführt sind. Anhand der
Zeitleiste kann dann genau berechnet werden, wieviele Phasen für
eine Bewegung gezeichnet werden müssen. Außerdem werden
Charakterzüge und Mimik der Figuren sowie grobe
Landschaftsskizzen entworfen.
Der genaue Aufbau und die Vorteile des Storyboards werden in
Kapitel 8.3 beschrieben.
Das Storyboard ist sowohl für die Regie, als auch für
die Zeichner und und den Kameramann wichtig.
Deshalb wird das Storyboard in ein Layout für
die Zeichner und einen Fahrplan für den Kameramann aufgeteilt:
- Das Layout enthält
die Unterteilung der Szenen in ständig bewegte, zeitweise
bewegte und unbewegte Objekte. Für bewegte Objekte werden
Schlüsselzeichnungen erstellt. Schlüsselzeichnungen repräsentieren
wichtige Aktionen innerhalb einer Animation. So werden das Auftreten von
Charakteren, Bewegungsänderungen in Geschwindigkeit und Richtung oder
Änderungen der Perspektive als Schlüsselbild festgehalten.
Ist das Herstellungsteam des Films mit dem Layout zufrieden,
können die fehlenden Phasen zwischen den Schlüsselbildern
gezeichnet werden.
- Der Fahrplan enthält die typischen Kameraanweisungen, wie Fahrt,
Zoom, Schnitte, Auf-, Ab- und Überblendungen. Ebenso wird die
Beleuchtung detailliert festgehalten.
Aus diesen Vorarbeiten kann dann je nach Anspruch des Filmes von
einer einfachen Strichzeichnung bis hin zur kolorierten Fassung
mit mehreren Hintergründen und Panoramen, Musik, Sprache und
Geräuschuntermalung alles erstellt werden.
Um die Zeichenarbeit jedes einzelnen Bildes zu reduzieren,
werden verschiedene Methoden benutzt. Der Hintergrund, der nur
einmal zu zeichnen ist, wird von den animierten Objekten
getrennt. Das Objekt kann wieder aufgeteilt werden. So wird zum
Beispiel der statische Rumpf von den Gliedmaßen getrennt, um den
Rumpf nicht bei jedem Bild mitzeichnen zu müssen.
Viele Animationen sind periodisch, d.h. daß die Szene aus
wenigen Phasen besteht, die sich fortlaufend wiederholen. Ein
laufender Mensch kann beispielsweise aus wenigen Phasen zusammensetzt werden,
die dann nacheinander über einen Hintergrund bewegt werden. Für
wellenartige Bewegungen, wie Rauch, Wasser, etc., müssen
meistens nur drei bis sechs Phasen gezeichnet werden. (Siehe Abb.8.2)
Abbildung 8.2:
Periodische Bewegung durch Phasenwechsel
 |
Die verschiedenen Objekte und Hintergründe werden auf Folien
gezeichnet, die beim Abfotografieren auf einem speziellen
Tricktisch von hinten beleuchtet
werden, um einen höheren Kontrast zu bewirken. Zusätzlich können
mehrere Lichtquellen eingesetzt werden, um bessere Farbsättigung
und Beleuchtungseffekte zu erzielen. Wichtig ist, daß Folien und
Kamera am Tricktisch fixiert sind, damit es keine unbeabsichtigten
Verschiebungen und später keine unbeabsichtigten Bewegungen im
Film gibt.
Die Folien, die die verschiedenen Phasen einer Animation
darstellen, werden hintereinander auf den Hintergrund gelegt und
abfotografiert. Außerdem können die Folien dabei verschoben
werden, um eine Bewegung zu erzeugen. Neben der Bewegung des
Objektes kann auch ein Panorama hinter den Figuren stückweise
bewegt werden. Später im Film erscheint es so, als ob sich die
Figur entlang einer Landschaft bewegt.
Durch die Verwendung mehrerer Folien übereinander (Siehe Abb.8.3)
läßt sich
eine dreidimensionale Szene vortäuschen. Eine Folie, der
Horizont, bleibt während der Aufnahme unbewegt. Weiter entfernte
Gegenstände, z.B. ein Gebäude, bewegen sich langsam. Nahe Objekte
wie die Hauptfiguren werden dementsprechend schneller bewegt.
Abbildung 8.3:
Benutzung verschiedener Folien um 3D-Effekte zu erzielen
 |
Zeichentrickfilm läßt sich einfach mit Realszenen verbinden.
Die Hintergrundbeleuchtung des Tricktisches wird dabei durch
einen Spiegel ersetzt, auf dem der Realfilm projiziert wird.
Die Folien werden dann auf den Tricktisch fixiert und bilden so eine
Einheit mit dem Realbild. Eine praktische Anleitung zum Bau
eines Tricktisches, sowie viele Anregungen und Bilder zum
Abzeichnen finden sich in [dMA74,Rum81].
Um Plastilinpuppen, Einrichtungsgegenstände oder sonstige starre
Gegenstände zu bewegen, bedarf es einer genauen Planung der
Bewegungsabläufe. Objekte und Kamera müssen millimetergenau für
jede Aufnahme verändert werden. Wichtig dabei ist, daß die
Veränderungen gleichmäßig geschehen.
Im Gegensatz zum Zeichentrickfilm, in dem das Ergebnis schon anhand der Folien
im voraus zu kontrollieren ist, liegt die
Hauptarbeit hier beim Abfotografieren.
Soll der Film animierte Gegenständen und Schauspielern
gleichzeitig enthalten, bedeutet es für die Darsteller eine besondere
Anstrengung an Körper und Disziplin. So muß der Darsteller
mehrere Minuten in einer bestimmten Stellung verharren und
darauf warten, bis Kamera, Beleuchtung und Objekte für die
nächste Aufnahme verändert wurden. Verändert der Schauspieler
seine Position oder Mimik, muß oft die gesamte Szene von vorne
gedreht werden, da die ursprüngliche Position mit allen Einzelheiten
nur schwer wiederhergestellt werden kann.
Ist die Arbeit zwischen Zeichner, Regisseur und Kameramann beim
Zeichentrickfilm in zeitliche, voneinander unabhängige Phasen unterteilt,
so müssen beim
Animationsfilm alle Beteiligten gleichzeitig zusammenwirken.
Der große Vorteil dieser Art des Filmens liegt in der vollständigen
Dreidimensionalität der Szenen. Allerdings ist die Animation
fast nur auf Bewegung beschränkt. So können Farbwechsel, Größen-
und Formänderungen starrer Objekte nur schwer realisiert werden.
Genaue Anleitungen zur
Herstellung von Puppen und Kameratechniken des Animationsfilms können in
[dMA74] nachgelesen werden.
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Dietrich Boles
1998-12-23