3. Ablauf des Internet-Studiums
In diesem Abschnitt wird darauf eingegangen, wie ein Internet-Studium nun konkret abläuft. Dazu muß erst geklärt
werden, welche Techniken dazu eingesetzt werden. Im folgenden wird kurz auf die wichtigsten Techniken eingegangen.
3.1 Verwendete Techniken
- E-Mail: Dies ist wohl die grundlegende Kommunikationsform. Durch sie werden persönliche Kontakte mit den Betreuern
und den Kommilitonen aufgenommen, Prüfungen angemeldet usw. Z.B. werden Kursteile mit dieser Technik empfangen und die
Lösungen der Übungsaufgaben an die Betreuer geschickt.
- News: News werden z.B. zur themenbezogenen asynchronen Diskussion über den Lehrstoff verwendet.
- IRC: Dient der Online-Kommunikation mit Kommilitonen und Online-Übungsstunden sind mit dieser Technik denkbar.
- WWW: Das Kursmaterial kann im HTML-Format den Studenten zugänglich gemacht werden. Durch die guten multimedialen
Eigenschaften können viele Beispiele und Veranschaulichungen enthalten sein. Denkbar wären z.B. Simulationen,
die in Java geschrieben sind und bestimmte Sachverhalte visualisieren. Die Hypertext-Struktur von HTML ist ausgezeichnet
dazu geeignet, die Themengebiete zu strukturieren und dadurch den Lernenden eine Einordnungsmöglichkeit der Themen zu
bieten.
- Videokonferenzen: Durch diese Technik können Televorlesungen und Teleseminare abgehalten werden. Auch Online-Übungsstunden sind denkbar.
Voraussetzung ist natürlich, daß an jedem Rechner, von dem aus aktiv an der Diskussion teilgenommen werden soll, eine
Videokamera und ein Mikrofon installiert ist.
- Digital Lecture Board: Dies ist eine Lernsoftware, die auf synchrones Teleteaching zugeschnitten ist. Zu diesem
Zweck sind verschiedenen Medienformen unter einer einfachen Benutzungsoberfläche vereint. Die Benutzungsoberfläche
hat den folgenden Aufbau:
In der Werkzeugleiste werden die verschiedenen Medienformen wie Text, Grafik, usw. für die Benutzung auf der Arbeitsfläche
bereitgestellt. Der Kommunikationsbereich dient der Kommunikation mit den anderen Benutzern und der Navigation.
Die Arbeitsfläche kann nun von jedem Benutzer mit Hilfe der Werkzeuge bearbeitet werden. So können z.B. Übungsaufgaben
gemeinsam gelöst und Lerninhalte diskutiert werden. Das ganze System stellt eine Hierarchie von virtuellen Räumen zur
Verfügung. Die Benutzer können in dieser Hierarchie bestehende Arbeitsräume aufsuchen oder auch neue Arbeitsräume erzeugen.
Online-Übungen oder sogar Online-Prüfungen können mit dieser Technik besser realisiert werden als z.B. im IRC.
- Integrierte Systeme: Die bisherigen Einzeltechniken können auch zu einer integrierten Lernumgebung verbunden werden. Dadurch sind viele
dieser Einzeldienste komfortabel unter einer Oberfläche benutzbar. Als Beispiel kann hier das Habanero-System
angeführt werden. Dieses in Java implementierte System bietet Dienste wie Chatten, ein Whiteboard (vgl. Digital Lecture
Board) usw. an, so daß mit mehreren Personen gleichzeitig an einem Problem gearbeitet werden kann. Diese Systeme werden nicht
nur bei einem Online-Studium verwendet, sondern auch z.B. in der Medizin eingesetzt, um medizinische Probleme mit
einem Experten zu diskutieren.
- Ferner werden Dienste wie Telnet, zum Arbeiten an entfernten Universitäts-Rechnern, FTP zum Austausch von Dateien
mit den Universitäts-Rechnern usw. benötigt.
Mit diesen Hilfswerkzeugen wird ein Internet-Studium ermöglicht. Damit dieses Studium effizient abläuft, muß auch
der Lerninhalt an die Online-Situation angepaßt werden.
3.2 Didaktik
Die Abbildung traditioneller Lehrformen wie Vorlesung, Seminar, Übung auf "Tele"-Niveau (oft mit hohen Kosten)
ist für ein Internet-Studium nicht optimal. Die virtuelle Universität bietet neue Lehrformen
und räumlich sowie zeitlich flexibles, individualisiertes und bedarfsorientiertes Lernen durch konsequente
Nutzung neuer Medien (Multimedia- und Kommunikationstechnologie). Voraussetzung dafür ist die Aufarbeitung
der Lehrmaterialien in Hinblick auf den Online-Einsatz und die konsequente Nutzung der Möglichkeiten der neuen
Technologien unter didaktischen Gesichtspunkten. Z.B sollten Vorlesungsskripte nicht einfach nach HTML konvertiert
werden, sondern die multimedialen Möglichkeiten des Internet mit einbezogen werden. Denkbar wären z.B. in Java
implementierte interaktive Programme, die den behandelten Sachverhalt visualisieren und "begreifbar" machen. Dieser
Vorteil gegenüber herkömmlichen gedruckten Vorlagen sollte nicht unberücksichtigt bleiben. Weitere Vorteile sind die
mögliche Hypertext-Struktur, durch die das Lehrmaterial besser strukturiert werden kann und die Möglichkeit,
kontinuierliche Medien (Audio, Animationen, usw.) in das Lehrmaterial zu integrieren, wodurch das Verständnis unterstützt
wird. Zur Aufarbeitung der Lehrmaterialien im Hinblick auf den Online-Einsatz gehört aber nicht nur interaktives
Lehrmaterial, das über das Internet verschickt wird (auf diesen Aspekt beschränken sich viele Ansätze zur
"Online-Universität"), sondern vielmehr sind für einen erfolgversprechenden Ansatz umfassende Kommunikationsmöglichkeiten
unabdingbar. Insbesondere zwischen den Studierenden untereinander werden diese Kommunikationsmöglichkeiten benötigt,
da dadurch gemeinsames Lernen ermöglicht und die soziale Vernetzung verstärkt wird. Dadurch entstehen verbesserte
Möglichkeiten zur Gruppen-, Seminararbeit und neue Formen des Übungs- und Praktikumsbetriebs über das Internet. Z.B. ist
es sinnvoller, Online-Übungsstunden mit einem Digital Lecture Board abzuhalten, als den Vorgang eine Übungsstunde asynchron
auf E-Mail oder Newsgruppen oder synchron auf das IRC abzubilden, da dort viele informelle Informationen der Kommunikation
verloren gehen.
Die drei neuen Lehrformen "Remote Lecture Room", "Remote Interactive Seminars" und "Interactive Home Learnin" haben sich in
den bisherigen Angeboten der Online-Universitäten gezeigt:
- Remote Lecture Room: Beim RLR-Szenario werden Hörsäle mittels eines ATM-Hochgeschwindigkeitsnetzes miteinander verbunden. Vorlesungen werden
live von einem Ort zum anderen übertragen. Die ausgetauschten digitalen Datenströme sind Video, Audio und die Folien
in elektronischer Form und Animationen. Die Übertragung ist voll interaktiv. Durch den gegenseitigen Austausch aller
audiovisuellen Informationen machen die Studenten auf beiden Seiten die gleiche Lernerfahrung. Beide Hörsäle verschmelzen
dadurch quasi zu einem großen "virtuellen" Hörsaal. Wird die Vorlesung per M-Bone-Technik übertragen, so weitet sich der
virtuelle Hörsaal rein theoretisch auf die ganze Welt aus, je nachdem wer im Internet an der laufenden Veranstaltung
teilnimmt.
- Remote Interactive Seminars: RIS beschreibt eine Dezentralisierung von Seminaren mit Hilfe der neuen Medien. Seminarsitzungen werden per Videokonferenz
abgehalten, wobei der Grad der Präsenz beliebig variieren kann. Im einfachsten Fall bilden sich zwei räumlich getrennte
Teilgruppen, im Extremfall befindet sich jeder Teilnehmer an einem anderen Ort (z.B. zu Hause). Der Schwerpunkt beim RIS
liegt auf der kooperativen Online-Erarbeitung der Seminarthemen.
- Interactive Home Learning: Das IHL-Szenario ermöglicht orts- und zeitunabhängiges Lernens mit Hilfe des Computers. Bei dieser Form des Lernens ist
der Grad der Dezentralisierung am höchsten. Studenten sollen von zu Hause aus asynchron lernen. Asynchrones Lernen
beinhaltet Abruf von Vorlesungen und Skripten, Bearbeitung von Lernprogrammen/-dokumenten und Fallstudien, Teilnahme
an Online-Diskussionsforen.
Um diese neuen Lehrformen effizient auszunutzen, muß der zu vermittelnde Inhalt an die neuen Lehrformen angepaßt werden.
Damit didaktisch sinnvolle Wissensvermittlung möglichen ist, muß bekannt sein, wie ein Lernprozeß abläuft. Der ideale
Lernprozeß ist in drei Phasen aufgeteilt, die sich durch die Art und das Ausmaß der Aktivitäten des Lernenden unterscheiden:
„Learning Cycle" Modell von Mayes et al. (Mayes, T., Coventry, L., Thomson, A. & Mason, R., 1994)
- Konzeptualisierung: In der Phase der Konzeptualisierung kommt der Lernende in Kontakt mit den Konzepten des jeweiligen Lernmaterials. Der
Interpretationsprozeß auf der Basis des Vorwissens beginnt. Die Hauptfunktion der Unterrichtsgestaltung in dieser Phase
liegt somit darin, das Sachgebiet adäquat abzustecken, dem Lernenden eine Orientierung zu geben, indem sich die Darstellung
an dem Vorwissen des Lernenden anlehnt, und ein erstes gedankliches Explorieren der Informationen zu erlauben.
Sinnvoll sind in dieser Phase z.B. Java-Simulationen, mit denen experimentiert werden kann, wodurch sich die Bedeutung der
Konzepte erschließen läßt.
- Konstruktion: In der darauffolgenden Phase der Konstruktion wendet der Lernende sein neues Wissen an. Er gelangt zu einem tieferen
Verständnis der Lerninhalte, indem er sie nach ihrer Relevanz für seine Lernziele selegiert, bedeutungsvolle Verknüpfungen
mit seinen Gedächtnisinhalten konstruiert und die Lehrinhalte nach seinen eigenen Begriffen klassifiziert. Die didaktische
Aufgabe liegt in dieser Phase darin, sinnvolle Problemstellungen vorzugeben, die die Wissensanwendung in eine vom Lehrenden
mit Blick auf die Lehrziele intendierte Richtung kanalisieren. In dieser Phase kann dies z.B. durch das bereitstellen
von interaktiver Lernsoftware unterstützt werden. Der Lernende bekommt bei der Lösung der ihm gestellten Aufgabe sofort
Rückmeldung über den Erfolg seiner Lösungsversuche. Optimal wäre hier auch eine Unterstützung bei der Lösung der Aufgaben.
- Dialog: Mit der den Zyklus abschließenden Phase des Dialogs verläßt das Modell die individuelle Konzeption des Lernprozesses und
bezieht Forschungsergebnisse ein, die Lernen als situiert in einem sozialen Kontext darstellen und auf die Wichtigkeit
kooperativer Lehr-Lernformen für ein tiefes Verarbeiten von Lerninhalten verweisen. In der Phase des Dialogs werden
Bedeutungen gefestigt und kommuniziert. In der Diskussion mit anderen werden die individuell interpretierten Wissensinhalte
wiedergegeben, die eigenen konstruierten Bedeutungen reflektiert und schließlich zu einer sozial geteilten Wissensbasis
strukturiert. Die Aufgabe der didaktischen Gestaltung des Dialogs liegt zum einen darin, geeignete Kooperationsstrukturen
methodischer und technologischer Art zu schaffen, zum anderen Möglichkeiten vorzusehen, den Lehrenden in eine Position zu
bringen, aus der er als Experte moderierend Einfluß auf den Dialog nehmen kann. Ein Vorteil der Online-Kommunikation wäre
hier z.B. die geringere Hemmschwelle der Lernenden, an einer Diskussionssituation teilzunehmen und auch mal "dumme" Fragen
zu stellen, da z.B. im IRC noch eine gewisse Anonymität gewahrt bleibt.
Der Learning Cycle illustriert auf der Basis von drei Phasen eines idealen Lernprozesses die Anforderungen an die
didaktische Gestaltung von Lehr-Lernumgebungen. Unterschiedliche Technologien lassen sich anhand dieses Modells
dahingehend analysieren, inwieweit welche Phase des Lernprozesses auf welche Weise unterstützt werden kann bzw. wo
spezifische Defizite dieser Technologien zu erwarten sind, wenn ein vollständiger, tiefer Lernprozeß angestrebt wird.
Bei den drei Phasen des Lernprozesses wurde jeweils ein Beispiel gegeben, wo durch das Internet-Studium Vorteile
bei der Wissensvermittlung entstehen könnten. Das durch ein Online-Studium aber auch Nachteile gegenüber einem
Präsenzstudium entstehen, darf nicht verschwiegen werden. In Kapitel 4 dieser Ausarbeitung wird näher darauf eingegangen.
3.3 Lehrangebot der Universitäten
Bisher befinden sich die Internet-Universitäten noch in einer Aufbauphase. Es zeigen sich aber schon drei unterschiedliche
Ansätze zur Ausnutzung des Internet für Studienzwecke. Während das Projekt der Universitäten Mannheim und Heidelberg die
Internet-Technologie hauptsächlich zur Ergänzung des Präsenzstudiums benutzen, wollen die Universitäten Chemnitz und Hagen
das Studium vollständig auf das Internet abbilden. Chemnitz möchte ein berufsbegleitendes Aufbaustudium anbieten, während
Hagen eine vollständige virtuelle Universität anstrebt. Folgende Inhalte und Vorgehensweisen wurden von den Unis erprobt:
- Universität Chemnitz: In Chemnitz wurden zwei berufsbegleitende Studienangebote durchgeführt. Teil 1 hat sich mit den Schwerpunkten
Netz-Architektur, Netz-Anwendungen und Netz-Wirtschaftlichkeit befaßt. Teil 2 setzte den Schwerpunkt auf Netz-Infrastruktur,
Netz-Protokolle und Netz-Management.
Am Anfang eines Semesters wurde eine einführende Veranstaltung abgehalten, bei der die technische Basis für das Studium
vorgestellt und die Ausgabe von Benutzungsberechtigungen, Paßwörtern usw. geregelt wurde. Danach wurde das Studium
vollständig über das Internet durchgeführt. Hierzu bekam jeder Student einen persönlichen Betreuer zugeteilt, der als
Ansprechpartner diente. Jeder Betreuer hatte 10 Studenten zu betreuen. Jeder Teilnehmer bekam monatlich per E-Mail einen
Kursteil von durchschnittlich 100 Seiten zugeschickt. In diesem Kursmaterial waren Übungen integriert, die teilweise
mit Kommilitonen gelöst werden mußten. Enthalten waren auch Fragen, deren Antwort per E-Mail an den Betreuer geschickt
werden mußten und die Grundlage der Leistungsbewertung waren. Von diesen Antworten mußten mindestens 50% korrekt sein,
damit nach Abschluß des Kurses eine erfolgreiche Teilnahme bescheinigt wurde.
Die Kosten für das Studium betrugen im Sommersemester 1997 1500 DM pro Jahr.
- Fern-Universität Hagen: Die Fern-Universität Hagen möchte das komplette Fernstudium auf das Internet abbilden. Dazu soll eine virtuelle
Universität aufgebaut werden. Die Fachbereiche Elektrotechnik; Erziehungs-, Sozial- und Geisteswissenschaften; Informatik;
Rechtswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften sollen auch über das Internet studiert werden können. Diese Fächer
werden dann durch Online-Aufgabenbeantwortung, Online-Übungsstunden, virtuelle Seminare und virtuelle Praktika vermittelt.
Zugangsberechtigung haben alle Fernstudenten der Fernuniversität Hagen. Zusatzkosten zum normalen Fernstudium entstehen
nicht.
- Universitäten Mannheim und Heidelberg: Das Kooperationsprojekt der Universitäten Mannheim und Heidelberg hat sich zum Ziel gesetzt, das Präsenzstudium durch
die Veranstaltungen der jeweils anderen Universität zu erweitern. Hierzu werden Televorlesungen und Teleseminare
abgehalten, die verteilte Veranstaltungsorte zu einer virtuellen Veranstaltung zusammenfügen. Dazu werden die
Video- und Audioinformationen und die verwendeten Folien zwischen Verantaltungsort und den angeschlossenen Hörsälen
ausgetauscht. Bisher wurde eine Televorlesung über das Thema "Computernetze" und ein Teleseminar über das Thema
"Digitales Geld" abgehalten. Auf die Evaluationsergebnisse dieser beiden Veranstaltungen wird im Abschnitt 5
näher eingegangen.