5. Erfahrungen bisheriger Modellversuche
Bei diesen Vor- und Nachteilen eines Internet-Studiums gegenüber dem Präsenzstudium stellt sich natürlich die Frage,
welche Erfahrungen die Anbieter dieser neuen Studienart bisher gemacht haben.
5.1 Erfahrungen verschiedener Fernuniversitäten
Als erstes muß geklärt werden, was für Personen an den bisherigen Veranstaltungen teilgenommen haben, damit die Erfahrungen
im richtigen Kontext bewertet werden können. Dann wird bei Mannheim und Heidelberg vorgestellt,
zu welchen Evaluationsergebnissen die Universitäten gekommen sind.
In Chemnitz hatten die Teilnehmer eine Vielfalt von Berufen und Positionen. Ihr Alter betrug zwischen 25 und 55 Jahren
wobei der Mittelwert bei 40 Jahren lag. Bei den meisten Teilnehmern lag das Studium 10 bis 20 Jahre zurück. Aus diesem
Grunde hatten viele der Teilnehmer kein oder nur geringes Vorwissen und brauchten eine Einführung, damit sie an
dem Studium teilnehmen konnten.
In Mannheim wurden eine Televorlesung und ein Teleseminar durchgeführt. Während die Vorlesung in einem Vorlesungssaal
der Universität Mannheim gehalten wurde, erhielt die Universität Heidelberg diese Veranstaltung über eine ATM-Verbindung.
An der Televorlesung nahmen 139 Studenten der Universität Mannheim und 22 Studenten der Universität Heidelberg teil.
Die geringe Teilnehmerzahl aus Heidelberg ist darauf zurückzuführen, daß die Heidelberger Studenten widersprüchliche
Informationen über Möglichkeiten der prüfungstechnischen Anerkennung des Vorlesungsbesuchs bei den jeweiligen
Prüfungsämtern bekamen. Die Teilnehmerzahl nahm in Heidelberg im weiteren Verlauf der Veranstaltung um 80% ab.
Aus diesem Grunde wurden nur die Teilnehmer aus Mannheim zur Evaluation der Veranstaltung befragt. Zur Evaluation wurden
sowohl subjektive Daten (Motivation, Bewertung der Qualität, Akzeptanz, subjektive Befindlichkeit, Konzentrationsfähigkeit
usw.) als auch objektive Daten (Teilnehmerzahl, Wortmeldungen, Prüfungsteilnahme) erfaßt. Als Erfassungsinstrumente dienten
Fragebögen, Interviews sowie teilnehmende Beobachtungen. Hier die Ergebnisse der Televorlesung:
- Die Interaktivität, gemessen mit der Anzahl der Rückfragen, war sowohl in den Präsenz- als auch in der Telesituation
gering.
- In der Telesituation wurde es als weniger lohnend empfunden, die Vorlesung zu besuchen. Die Studenten hatte weniger
den Eindruck, etwas Sinnvolles und Wichtiges gelernt zu haben. Der Besuch der Vorlesung in der Telesituation trug nicht
in gleichem Maße wie die Präsenzsituation zum Interesse am Studienfach bei.
- Große Unterschiede zeigten sich auch in der selbst eingeschätzten Fähigkeit, sich zu konzentrieren und der Vorlesung
zu folgen. Dieser Umstand wurde von den Studenten auf den erhöhten Lärmpegel in der Telesituation zurückgeführt.
- Schließlich fühlten sich die Studenten in der Telesituation weniger vom Dozenten wahrgenommen als in der
Präsenzsituation.
Die meisten der genannten Kritikpunkte lassen sich auf die eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten in einer
Online-Situation zurückführen.
Die zweite Veranstaltung an den Universitäten Mannheim und Heidelberg war ein Teleseminar. Auch hier wurden die subjektiven und
objektiven Daten erfaßt und zur Bewertung herangezogen. Hier die Ergebnisse dieser Veranstaltung:
- Da die Verbindungsdaten bei dieser Veranstaltung nicht über ein spezielles ATM-Netz sondern über das normale Internet liefen,
konnte die benötigte Bandbreite des Datenverkehrs nur in den früheren Morgenstunden gewährleistet werden. Danach
litt das Video- und Audiosignal unter den auftretenden Engpässen.
- Die Moderation von Interaktionen gestaltete sich relativ schwierig. Die Referenten zeigten sich schnell überfordert,
die sich teilweise überschneidenden Wortmeldungen aus den entfernten Seminarräumen zu organisieren und vollständig
zu beantworten. Dies lag einerseits an der geringen Erfahrung der studentischen Referenten, eine Diskussion zu leiten,
andererseits waren aber die technischen Möglichkeiten der eingesetzten Software für diese Aufgabe als völlig unzureichend
bewertet worden. Hinzu kamen die genannten technischen Schwierigkeiten bei der Audioübertragung, die zum Verstehen der
Wortbeiträge zum Teil ein mehrmaliges Rückfragen erforderlich machten. Aus diesen Problemen ergab sich, daß die
Interaktivität des Seminars über das Semester hin gering war.
- Von den Studenten wurde der eingeschränkte Kontakt zum entfernten Publikum als ernstzunehmendes Problem empfunden.
Es konnten kaum Reaktionen des Publikums auf den eigenen Vortrag wahrgenommen werden und das Publikum konnte nur
unzureichend in die Gestaltung des Vortrags mit einbezogen werden.
- Überraschend erscheint nach diesen genannten Kritikpunkten, daß die Studenten das Teleseminar insgesamt recht
positiv beurteilten und auch angaben, daß sie sich gut konzentrieren und dem Seminar gut folgen konnten. Ohne
jetzt eine Ferndiagnose stellen zu wollen liegt die Vermutung nahe, daß sich die Studenten bei der Beantwortung
dieser Fragen an dem von den Veranstaltern gewünschten Ergebnis orientierten. Denn diese Angaben widersprechen
den Punkten des eingeschränkten Kontakts, der geringen Interaktion und die Studenten gaben auch an, in Phasen mit
Ton- und Bildproblemen Konzentrationsschwierigkeiten zu haben. Auch die durch die Rechner erzeugte Lärmkulisse
wird die Konzentration nicht gefördert haben (siehe Evaluation der Televorlesung).
Aus diesen Ergebnissen und den in Kapitel 4 beschriebenen Nachteilen eines Internet-Studiums ergibt sich ein Forschungsbedarf,
damit diese Probleme gelöst werden können.
5.2 Forschungsbedarf
Die beschriebenen Erfahrungen und Probleme zeigen, in welche Richtung die Entwicklung des Internet-Studiums vorangetrieben
werden muß, um großen Studentenzahlen das Internet-Studium zu ermöglichen sowie alle benötigten Formen von Anwendungen
einsetzten zu können. Einige wesentliche Forschungsschwerpunkte sind:
- Hilfswerkzeuge zur Kursverwaltung: Bisher fehlen noch ausgereifte Werkzeuge, die die Verwaltung von Lehrmaterialien
(z.B. Versionsverwaltung der Dokumente, Konsistenz von Links zwischen den Dokumenten) und Benutzern
(z.B. E-Mails, Zugangsberechtigungen) unterstützen.
- Hilfswerkzeuge zur Entwicklung von Lehrmaterialien: Es werden Entwicklungstools für Lehrmaterialien benötigt.
Als Beispiel wäre hier ein komfortables Entwicklungsprogramm für HTML-Dokumente zu nennen. Lehrende des Fachbereich
Informatik können diese Materialien wahrscheinlich auch mit einem normalen Editor entwerfen. Lehrkräfte anderer
Fachrichtungen, die ihren Rechner bisher nur zur Korrespondenz benutzt haben, werden hier aber vor unnötige Probleme
gestellt, wodurch auch der Inhalt dieser Dokumente leiden würde.
- Hilfswerkzeuge zur Kommunikation: Das Auffinden von Kommunkationspartnern zur synchronen Kommunikation ist bisher
noch nicht befriedigend gelöst. Es werden Tools benötigt, die z.B. anzeigen, wer gerade online im Netz ist und die
auch die Kontaktaufnahme ermöglichen. Weiterhin sind Werkzeuge erforderlich, die eine Gruppenveranstaltung bei
der Terminkoordinierung, der Ressourcenkoordinierung und der Entscheidungsfindung unterstützen. Als letztes Beispiel
diese Kategorie kann die eingeschränkte Informationsübertragung bei einer Onlinekommunikation genannt werden. Neue
Formen wie z.B. Videokonferenzen müssen weiterentwickelt werden, damit die Online-Kommunikation der Qualität einer realen
Diskussion näher kommt.
- Didaktische Konzepte: Es werden didaktische Konzepte benötigt, die die Besonderheiten der neuen elektronischen
Lehrformen berücksichtigen. Bisher werden nur bekannte Lehrformen wie Vorlesungen und Seminare auf das Internet
abgebildet. Andere Konzepte könnten aber möglicherweise für die Online-Situation besser geeignet sein. Denkbar wäre hier
z.B. eine problemorientierte, kommunikative Lehrform.
- Technische Voraussetzungen: Viele Kritikpunkte am Internet-Studium sind auf mangelnde technische Voraussetzungen
zurückzuführen. Neue Kommunikationsformen scheitern an der zu geringen Bandbreite des Internet und so trivial
erscheinende Umstände wie der Geräuschpegel des benutzten Computers haben Einfluß auf die Leistung des Lernenden.
Viele technische Voraussetzungen müssen verbessert und unter ergonomischen Gesichtspunkten optimiert werden,
um die Qualität des Internet-Studiums zu erhöhen. Ein Lösungsansatz zur Internet-Bandbreite ist z.B. die M-Bone-Technik,
die eine "Point to Multipoint" - Verbindung und sogar eine "Multipoint to Multipont" - Verbindung ermöglicht. Dadurch
können viele Benutzer an einer Videokonferenz teilnehmen, ohne daß die Übertragungs-Performance einbricht.