4. Vor- und Nachteile des Internet-Studiums
Das Internet-Studium bietet viele neue Möglichkeiten, bringt aber auch einige Nachteile mit sich. In diesem Kapitel
werden eine Auswahl von Vor- und Nachteilen gegenüber einem Präsenzstudium vorgestellt, wobei natürlich kein Anspruch
auf Vollständigkeit erhoben wird.
4.1 Vorteile eines Internet-Studiums
Das Studium mit Internet-Technologien bietet eine Fülle von neuen Möglichkeiten, Wissen durch Multimedia- und
Kommunikationstechnologien zu vermitteln:
- Vorteilhaft ist die Möglichkeit der flexiblen Zeiteinteilung, wodurch jeder Student den konkreten zeitlichen Aufwand an
seine persönlichen Bedürfnisse anpassen und auch den Zeitpunkt, an dem studiert werden soll, frei wählen kann.
Berufstätige können so z.B. in den Abendstunden lernen und dadurch ein Studium berufsbegleitend absolvieren.
- Ein weiterer Vorteil ist die Individualisierbarkeit des Lehrmaterials, wodurch z.B. der Schwierigkeitsgrad und die
Ausführlichkeit an die eigenen Bedürfnisse angepaßt werden können. Bei einer normalen Vorlesung im Präsenzstudium ist
diese Anpassung nicht möglich. Da können schon bekannte Themen zu lange vorgestellt oder schwer verständliche Themen zu
schnell behandelt werden. Bei interaktivem Lehrmaterial kann das Lerntempo und der Inhalt den eigenen Bedürfnissen
angepaßt werden.
- Durch Verwendung von kontinuierliche Medien wie Animation, Video usw. und Interaktivität z.B. durch Java-Programme können
Lerninhalte anschaulicher vermittelt werden. Auch ist die Dimensionalität des Inhalts dadurch höher, wodurch eine bessere
Erinnerungsleistung erreicht wird.
- Die durch HTML ermöglichte Hypertext-Struktur ist ausgezeichnet dazu geeignet, dem Lernenden eine Einordnungsmöglichkeit
der Themengebiete anzubieten.
- Vorteilhaft ist auch die örtliche Unabhängigkeit. Die Studenten können von jedem Ort aus, von dem eine Verbindung mit dem
Internet aufgebaut werden kann, studieren. Auch ist es z.B. denkbar, das an einer Universität nicht gehaltene Vorlesungen
von anderen Universitäten angeboten werden. Provider von Vorlesungen können rein theoretisch beliebige Universitäten in
Deutschland oder sogar in der ganzen Welt sein, wenn die technischen Voraussetzungen gegeben sind.
- An der Universität Chemnitz bekommt jeder Student einen persönlichen Betreuer zugeteilt. Dadurch hat der Student einen
kompetenten Ansprechpartner, zu dem er auch ein gewisses Vertrauensverhältnis entwickeln kann.
- Als letzter Vorteil läßt sich noch die Aktualität des Lehrmaterials nennen. Fehler in HTML-Dokumenten lassen sich z.B.
schneller beseitigen als in Skripten, die in der Bibliothek bereit stehen. Außerdem kann das Lehrmaterial schneller
veröffentlicht werden als in Papier-Form.
4.2 Nachteile eines Internet-Studiums
Das Studium über das Internet führt aber auch zu einigen Problemen, die sich auf die Qualität des Studiums auswirken
können.
- Als erstes ist hier zu nennen, daß jeglicher Kontakt von Zuhause aus mit der Universität, den Betreuern oder den
Kommilitonen über das Internet Telefoneinheiten, Providergebühren usw. kostet. Dieser Umstand kann hohe Nebenkosten
für das Studium nach sich führen.
- Die Kommunikation mit den Kommilitonen kommt nur zögerlich in Gang, da das Auffinden von bestimmten
Kommunikationspartnern im Internet noch nicht zufriedenstellend gelöst ist. Besonders wenn dynamische IP-Nummern ins Spiel
kommen reicht der, Anfängern etwas kryptisch anmutende, Ping-Befehl nicht mehr aus um zu erfahren, ob ein Kommunikationspartner
online ist. Lösungen dieses Problems, wie z.B. das ICQ-System, haben sich noch nicht durchgesetzt.
- Wenn eine Verbindung zwischen Kommunikationspartnern hergestellt ist, kann mit den gängigen Hilfsmitteln wie Talk, IRC
usw. nur einfachste Konversation betrieben werden. Hemmend wirkt sich hier die Geschwindigkeit des Informationsaustausches
aus, welche bei Personen mit geringen Erfahrungen mit der Tastatur noch weiter gedrosselt wird. Die
Kommunikation ist unzureichend strukturiert, was sich im IRC mit vielen Teilnehmern besonders bemerkbar macht. Zwischen
einer Frage und ihrer Antwort können z.B. viele Beiträge von anderen Teilnehmer erscheinen, die mit der konkret gestellten
Frage nichts zu tun haben. Dadurch geht schnell der Überblick verloren. Auch können viele Informationen eines Gesprächs
wie Mimik, Gestik, Betonung usw. nicht übertragen werden. Dadurch ist eine ironisch gemeinte Bemerkung nur schwer als
solche zu identifizieren. Hilfsmittel wie z.B. Smilies kommen erst nach dem Satz und können nur verspätet Gewißheit
schaffen. Eine Verbesserung würden z.B. integrierte Systeme mit Digital Lecture Board, Audio- und Videoverbindung
bringen. Diesen Systemen stellt sich aber die eingeschränkte Bandbreite des Internets entgegen.
- Am Anfang eines Grundstudiums gibt es ein sogenanntes "Henne-Ei-Problem". Studenten ohne jedes Vorwissen brauchen
das Basiswissen über Internet-Techniken, welches aber erst während des Studiums vermittelt wird, um am Studium
teilzunehmen. Chemnitz löst diese Problem durch eine Einführungsveranstaltung.
- Bei einem Internet-Fernstudium müssen die Studenten selbständiger arbeiten. Z.B. müssen umfangreiche Kursteile
selbständig durchgearbeitet werden. Personen, die einen gewissen stetigen Druck brauchen, könnten hier scheitern.
Diesen Umstand könnte man aber auch als Vorteil werten, da dadurch selbständiges Arbeiten gefördert wird.
Das Anbieten eines Internet-Fernstudiums führt zu erheblichen organisatorischen Problemen:
- Als erstes wäre hier die Vielfalt von technischen Varianten zu nennen, die berücksichtigt werden müssen. Da
unterstützen bestimmte Internet-Provider nicht die erforderlichen Internet-Dienste, HTML-Browser interpretieren Java-Code
unterschiedlich und stellen HTML-Seiten falsch dar, Textdokumente haben inkompatible Formate, erforderliche Programm
werden nicht für alle gängigen Betriebssysteme angeboten usw.
- Die Kursverwaltung ist sehr aufwendig. Kursangebote müssen aktualisiert, neuer Kurse integriert und die Konsistenz der
Daten, z.B. von Links, gewährleistet werden. Dies führt zu einem nicht zu vernachlässigen Arbeitsaufwand.
- Es muß eine sinnvolle Strukturierung des Informationsraums entwickelt werden. Einerseits sollten Kurse und ihre
Dokumente sinnvoll aufgeteilt werden, damit benötigte Informationen besser gefunden werden, andererseits sollte die
Hierarchie aber möglichst flach sein, damit keine zu langen Suchpfade entstehen, die unnötige Verbindungskosten nach sich
ziehen und sich negativ auf die Motivation auswirken.
- Rückmeldungen der Studenten, z.B. Anfragen durch E-Mails, Belegung von Lehrveranstaltungen, Anmeldungen von Prüfungen usw.
müssen verwaltet werden.
- Die Datensicherheit ist zu gewährleisten, damit z.B. Online-Prüfung korrekt durchgeführt werden können und Dinge wie
Anmeldung zu einer Prüfung, Abmeldung vom Studium usw. nicht von Dritten mißbraucht werden können. Zugriffsrechte müssen
verwaltet werden, damit nur dazu Berechtigte auf bestimmte Informationen zugreifen können.
- Problematisch ist außerdem die Gewährleistung von urheberrechtlichem Schutz. Empfangene HTML-Dokumente können nach
belieben verändert werden. Aus diesem Grund können auf diese Art keine Inhalte vermittelt werden, die bestimmten
Copyright-Einschränkungen unterliegen.
Dies war ein erster Einblick in die Probleme, die bei einem Internet-Studium auftreten können. Bei der Vorstellung
der Evalutaionsergebnisse in Abschnitt 5 werden sich weiter Probleme herausstellen.